Bis in den Tod

Frau und Kind gemeinsam bestattet

Urne in Wittstock und daneben ein kleines Knochenstück. Die Urne vereint Zierelemente verschiedener Keramiktypen Foto: S. Krönung

Mutter und Kind?

Frei im Sand stehend fand sich beim Straßenbau in Wittstock ein vollständiges Tongefäß, dabei Knochenreste der Schädeldecke eines unverbrannt beigesetzten Säuglings. Die Urne mit dem kompletten Leichenbrand (970 g) einer Frau von etwa 20 bis 40 Jahren, ist frühslawisch und gehört ins 9. Jh. Eine Verwandtschaft zu dem gleichzeitig bestatteten Säugling lässt sich vermuten. Das Gefäß enthielt auch Fragmente eines längeren Knochengerätes aus einem Rinder-Oberschenkel, einen Pfriem mit zwei angespitzten Enden. Solche Geräte sind Standardfunde auf jeder Siedlungsgrabung der Slawenzeit. Mit einer Länge von ca. 18 cm gehört das Stück zu den größeren Exemplaren, vor allem, wenn man den erheblichen Schwund bei der Verbrennung in Betracht zieht. Offenbar gelangte das Werkzeug mit der Verstorbenen auf den Scheiterhaufen, entweder war es besonders wertvoll für sie oder einfach nur an ihrer Kleidung, etwa dem Gürtel, befestigt. In Brandgräbern wurde eine derartige „Grabbeigabe“ noch nie beobachtet, in Körpergräbern, wo erheblich bessere „Erkennungsbedingungen“ herrschen, nur außerordentlich selten. Ein intaktes frühslawisches Urnengrab ist hierzulande seit dem Bau der „Reichsautobahn“ 1934/35 nicht mehr gefunden worden. Der Fund von Wittstock liegt zwar deutlich außerhalb der bisherigen Verbreitung in Elbnähe an der (süd-)westlichen Peripherie des slawischen Siedlungsgebietes, aber sozusagen in deren nördlicher Verlängerung – als nördlichster Beleg in Brandenburg überhaupt. Die gleichzeitige Bestattung eines unverbrannten Säuglings ist zwar ungewöhnlich, hat aber Parallelen, z. B. in Mecklenburg-Vorpommern. Sie beweist einmal mehr, dass man verstorbene Kinder häufig auf besondere Weise zu Grabe trug.

S. Krönung, Th. Kersting