Münzen, Steine, Scherben

Slawische Siedlung bei Leest, Lkr. Potsdam-Mittelmark

Münzen, Steine, Scherben, Knochen: Funde aus einer slawischen Siedlung an

der Havel bei Leest, Kr.Potsdam-Mittelmark

Münzen, Steine, Scherben, Knochen: Funde aus einer slawischen Siedlung an der Havel bei Leest, Kr.Potsdam-Mittelmark.

Im Jahr 2005 war es möglich, bei Leest das Handwerks- und Speicherareal einer offenen slawischen Siedlung des 9.–12. Jahrhunderts teilweise zu untersuchen. Die vom Gebietsreferat begonnene Maßnahme wurde von der Fachfirma ABA fortgeführt.

Die Mehrzahl der Gruben datiert ans Ende des 10. und den Beginn des 11. Jahrhunderts. Das Keramikmaterial spiegelt deutlich den Übergang zum spätslawischen Stil wider, der unter Einbeziehung tradierter Verzierungsformen und teilweise auch der Fortsetzung der Produktion traditioneller Gefäßformen erfolgte. Die Siedlung bestand wohl seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts und wurde mindestens bis in die Zeit um 1150 genutzt. Danach gingen die Bewohner in der Bevölkerung des hochmittelalterlichen Dorfes Leest auf. Die neuen Funde erhärten den Verdacht, dass Transporte von Brandenburg nach Osten nicht nur über die Havel erfolgten, sondern dass ab dem Phöbener Raum eine Landverbindung über den Töplitzer Werder nach Potsdam, Köpenick und Spandau existierte. Offenbar war Leest dabei ein Umschlagplatz, aber auch mit eigener Produktion am Handel beteiligt.

Das Untersuchungsareal befand sich in extremer Hanglage zur südlich fließenden Havel, es wies auf 15 m ein Gefälle von 3 m auf. Die gesamte Grabungsfläche war von einer ca. 0,6–0,8 m starken Humusschicht überdeckt.

Mit 63 Gruben und Pfosten weist das Grabungsareal gegenüber vergleichbaren Siedlungsausschnitten eine äußerst hohe Nutzungsdichte auf. Sechs Befunde sind als Speichergruben zu interpretieren – die flacheren waren fast vollständig dunkelhumos verfüllt, ebenso die tieferen in den oberen Bereichen. Vergleichbare Befunde liegen aus Schmergow, Lkr. Potsdam-Mittelmark, vor, bei denen über die Analyse der biogenen Makroreste der Nachweis von eingelagertem Getreide gelang. In zwei Fällen fanden sich vergleichbare Befunde auch im sandigen Ostteil der Leester Fläche. Reste von Einbauten zur Stabilisierung der Grubenwandung fehlen. Ohne derartige Aussteifungen können die Gruben aber nicht über längere Zeit offen geblieben sein. Wahrscheinlich dienten sie daher lediglich der Entnahme von Sand und wurden durch den wiederholten Einbruch der Wände und hineinerodiertes Material aus der Kulturschicht verfüllt.

Zahlreicher traten flache Gruben und grubenartige Befunde auf. Charakteristisch waren dabei muldenförmige Profile, die eine funktionsabhängige Einbringung eher unwahrscheinlich machen. Dies betont auch die stark humose Verfüllung der Gruben. Sie ist nicht von dem aufliegenden Ah-Horizont zu unterscheiden. In fünf Fällen belegen die Art des Aufbaus und der Verfüllung eine Nutzung als Herd, Feuerstelle oder technische Anlage. Eine Grube mit einer massiven Sohle aus gebranntem Lehm, könnte vielleicht eine Getreidedarre gewesen sein. Die einzigen Überschneidungen des Grabungsareals gab es im Bereich eines nur teilweise erfassten Grubenhauses.

Grubenhäuser lassen sich im nordwestslawischen Raum bis etwa Ende des 10. Jahrhunderts belegen, allerdings werden die Gruben gegenüber der altslawischen Zeit flacher und die Gebäude dienen eher als Wirtschaftsbauten. Das Leester Grubenhaus ist mit frühslawischen Objekten vergleichbar, jedoch sind dafür funktionale Hintergründe wahrscheinlicher als kulturelle. Da sich keine der langovalen Gruben fand, die in der Forschung wiederholt mit Hausstandorten in Verbindung gebracht werden, diese 2003 jedoch ca. 100 m südöstlich nachgewiesen werden konnten, liegt die Vermutung einer etwas größeren, zusammenhängenden Siedlung der Slawenzeit nahe. Derartige Siedlungen erreichten womöglich doch eine größere Ausdehnung als die in der Literatur wiederholt genannten weilerartigen Strukturen.

Für die intensive Nutzung des Areals spricht eindrucksvoll auch die große Menge an Fundmaterial. Die zahlreichen Keramikkomplexe sind meist mittel- und spätslawische Mischinventare, wie es typisch ist für das späte 10. Jahrhundert. Rein spätslawische Inventare konnten dagegen nur in Resten der Kulturschicht belegt werden. Senkrechter Kammstrich, Sparrung, Tannenbäume und Schulterkerben sind häufig. Sie können dem nördlichen Menkendorfer Kreis zugewiesen werden. Stempelverzierungen gibt es ebensowenig wie Bodenmarken. Fehlende Stempelverzierungen grenzen den Havelraum innerhalb der Verbreitung des Menkendorfer Typs deutlich vom Mecklenburger Raum ab, wo derartige Verzierungen gleichzeitig mit Sparrung und Kammstrich auftreten.

Wiederholt zeigte sich im Leester Material die im Havelland häufige Verzierung des Schulterbereiches von Menkendorfer Gefäßen. Daneben kamen ein bronzener Fingerring, ein Eisenmesser von 7,5 cm Länge, eine mehrgliedrige eiserne Gürtelschnalle, 33 Silbermünzen, Eisenschlacke und Tierknochen zutage. Auch einige Drehmühlenreste und Wetzsteine gehören zum Fundmaterial, sie belegen weitreichende Handelskontakte. Ein Drehmühlenfragment aus Sandstein des Rotliegenden ist als Import aus Thüringen anzusehen. Ein Wetzstein aus Grauwacke stammt wohl aus Schlesien, ein weiterer aus Rüdersdorf. Ein Mühlsteinfragment aus Kreidequarzit kommt aus dem schlesischen Raum. Das Steinmaterial ist somit hinsichtlich seiner Herkunft und der eingesetzten Rohstoffe bisher einzigartig!

An Tierknochen sind von Rind, Schwein, Pferd und Hund alle Altersstufen und Körperteile belegt. Wildtierknochen fehlen vollständig, wie dies eher für die südliche Ostseeküste und das Elbegebiet typisch ist. In großer Zahl fanden sich hingegen in verschiedenen Befunden Fischschuppen. Überraschend ist das Fehlen von Knochengeräte im gesamten Fundspektrum, wie etwa den charakteristischen Knochenahlen.

Im oberen Bereich einer kleinen Grube lagen in lockerer Streuung 33 Silbermünzen (Abb. 2; 3. Die Münzen (17 bis 19 mm Durchmesser; 0,6 bis 1,0 Gramm) sind ausnahmslos Magdeburger Pfennige (Denare) vom Ende des 11. / Anfang des 12 . Jahrhunderts. Sie verteilen sich auf drei oder vier Typen bzw. Varianten. Die meisten zeigen eine gepanzterte, behelmte oder gekrönte Figur entweder mit Fahnenlanze oder mit Schwert und Szepter in Frontalansicht; die Rückseiten tragen immer eine Stadt- oder Kirchenansicht mit Türmen. Geprägt wurden sie von den Magdeburger Erzbischöfen, aber in dieser Zeit häufig noch mit dem gekrönten Bildnis des Königs oder Kaisers, hier also entweder Heinrichs IV. bzw. Heinrichs V. oder aber des behelmten Heiligen Mauritius, dem Stadtheiligen von Magdeburg. Drei Münzen mit einem bärtigen, gekrönten Kopf im Profil zeigen Kaiser Heinrich V. (1106-1125). Auffällige Qualitätsunterschiede der Münzbilder sind auf unterschiedliches Können verschiedener Stempelschneider zurückzuführen. Die Münztypen sind von bekannten Hortfunden der gleichen Zeit z.T. aus unmittelbarer Nachbarschaft (Alt Töplitz, Leest, Golm) geläufig. Der neue Münzfund unterstreicht eindrucksvoll die zunehmende Bedeutung des Mittelhavelraumes in den Handelsbeziehungen ab der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts.

R. Bräunig, Th. Kersting

Abbildungen

links und rechts: Vorderseiten zweier Magdeburger Denare (Fotos: D. Sommer)

Mitte: Freilegen der Münzen aus einer eher unscheinbaren Grube (Foto: R. Bräunig)