Der Mann am Krug

Der Mann am Krug - ein spätmittelalterlicher Gesichtskrug
Cottbus

Krug der Falke-Gruppe aus einer Grabung im Stadtkern von Cottbus (Foto: D. Sommer, BLDAM
Halbplastische Maske auf dem Oberteil des Kruges (Foto: D. Sommer, BLDAM)

Der Mann am Krug - ein spätmittelalterlicher Gesichtskrug aus Cottbus

Aus dem Stadtkern von Cottbus stammen die Scherben eines auffällig verzierten Gefäßes mit glänzender dunkler Oberfläche. Zusammengesetzt ergeben sie einen bauchigen Krug aus qualitätvollem Steinzeug mit breitem Standboden und Bandhenkel. Seine Wandung ist teppichartig mit unterschiedlichen Stempeldekoren bedeckt, die durch Aussparungen wiederum Muster entstehen lassen. Beeindruckend ist vor allem die direkt unter dem Rand angebrachte Maske eines Mannes mit einer sorgfältig modellierten Frisur und einer gepflegten Barttracht. Der lange Bart reicht bis zur Mitte des Gefäßes hinunter.

Krüge dieser Art gehören zu einer besonderen Gruppe von Gefäßen, die im späten 14. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, der Zeit der Gotik, entstanden sind. Nach dem Kunsthistoriker Otto von Falke, der diese Gruppe mit der typischen Machart, Stempel- und Maskenverzierung 1907 zum ersten Mal beschrieb, werden sie als “Gefäße der Falke-Gruppe” bezeichnet. Heute spricht man auch von “reich verziertem gotischen Steinzeug”. Sie gehören zu den hervorragendsten Erzeugnissen spätmittelalterlicher Keramikproduktion.

Meist handelt es sich um große Stangenbecher, Krüge, Pokale und kleine bauchige Trinkbecher, also prunkvolles Tafelgeschirr. Neben männlichen Masken kommen auch Auflagen in Form weiblicher Gesichter vor. Nahm man früher an, dass diese hochwertige Ware nur in Zusammenhang mit herrschaftlichen Burgen steht, so weisen viele Neufunde inzwischen darauf hin, dass auch eine wohlhabende Bürgerschaft oder sogar ein vermögender Bauer sich diese Art von Trinkgeschirr leisten konnte.

Der Schwerpunkt der Verbreitung liegt in der Lausitz, Ostsachsen, Brandenburg und im westlichen Schlesien. Hier scheint das reichverzierte Steinzeug auch hergestellt worden zu sein, wenngleich die Produktionsorte noch nicht sicher lokalisiert wurden. Vermutlich lagen sie in der Gegend um die Stadt Zittau in der Oberlausitz. Auch die Form unseres Kruges mit der bauchigen Wandung und dem breiten Standboden weist in die Region der Lausitz und Schlesien. Es handelte sich vermutlich um ein Schenkgefäß. Gute Vergleichsstücke stammen aus einer mittelalterlichen Kloake in der Breslauer Nikolaistraße.

Über dieses Kerngebiet hinaus gelangten Gefäße der Falke-Gruppe jedoch auch in weiter entferntere Regionen Deutschlands und sogar bis nach England, Belgien, Dänemark, Estland, Finnland und Ungarn. Zum Teil scheinen die Fundorte in engem Zusammenhang mit Hanseniederlassungen deutscher Kaufleute gestanden zu haben.

Der Krug aus Cottbus ist zur Zeit in der archäologischen Ausstellung der Slawenburg Raddusch zu besichtigen.

R. Smolnik