Slawen an der unteren Mittelelbe

Besiedlungsstrukturen im linonischen Siedlungsgebiet der Westprignitz. Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft

Grundlagen

Die Westprignitz an der unteren Mittelelbe prägte während des frühen und hohen Mittelalters (8.-12. Jh. n. Chr.) ein dichtes Netz von Burgen und ländlichen Siedlungen, die nach Auskunft der Schriftquellen vom slawischen Stamm der Linonen angelegt wurden. Dieses Siedlungsgefüge kann als Ausdruck einer politischen Herrschaftsbildung gelten, die eine bestimmte Raumnutzung nach sich zog. Im unmittelbaren Vorfeld des fränkisch-deutschen Reiches waren die linonischen Gebiete an der Elbe sowohl Grenz- als auch Kontaktraum. Die Untersuchungen gehen daher auch der heute in der Archäologie stark diskutierten Frage nach, wann das Phänomen des Burgenbaues im Spannungsfeld zwischen Franken, Sachsen und Slawen einsetzt und wie es zu bewerten ist. Die wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Voraussetzungen sowie die Kennzeichen und der Verlauf eines solchen Prozesses stehen im Mittelpunkt interdisziplinärer Untersuchungen an Fundplätzen der slawischen Zeit in dieser Region, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert werden.

Partner

Federführend für die Untersuchungen im Raum Lenzen ist das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum mit Sitz in Wünsdorf, vertreten durch Dr. Günter Wetzel, Dr. Norbert Goßler und Jörg Hildebrandt. Vergleichbare Fragestellungen werden auch in den nördlichen und südlichen Nachbarregionen der Westprignitz behandelt: im südlichen Mecklenburg durch das Archäologische Landesmuseum mit Landesamt für Bodendenkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, im östlichen Wendland durch die Universität Göttingen. Informationen zum Projekt auch unter www.elbslawen.de.

Das aktuelle Projekt

Mittels archäologischer Prospektion, Sondagen und gezielten Schnittgrabungen sowie vegetationsgeschichtlicher Forschungen sollen sowohl das Siedlungsumfeld der Burgen mit den Elementen Burg, Vorburg und offene Siedlung als auch die Stellung der einzelnen Burgen zueinander analysiert werden. Seit dem 11. Oktober 2004 haben die archäologischen Prospektionen im Raum Lenzen begonnen. Mittels Feldbegehungen werden alle bisher bekannten slawischen Fundstellen im Gelände aufgesucht, nach Scherbenfunden abgesucht und dokumentiert. Ein weiteres Augenmerk liegt auch auf der Neuentdeckung bisher noch nicht bekannter slawischer Siedlungsplätze. Im Mittelpunkt der Untersuchungen stehen zwei slawische Burgplätze: der sog. Burgwall „Neuehaus“ an der südöstlichen Gemarkungsgrenze zwischen Lenzen und Wustrow sowie der heute oberflächig vollkommen abgetragene Burgwall in der Ortslage von Lenzersilge. In ihrem Umfeld sind mehrere unbefestigte slawische Siedlungen bekannt, die Keramik des 8.-12. Jahrhunderts erbracht haben. Im weiteren Verlauf des zunächst auf zwei Jahre befristeten Projektes sollen diese Fundplätze zunächst mittels der zerstörungsfreien Methoden der Geophysik untersucht werden, während sich in einem zweitem Schritt Ausgrabungen auf den betreffenden Fundstellen anschließen.

Norbert Goßler