Archäoprognose

Rekonstruktion ur- und frühgeschichtlichen Siedlungsverhaltens und anthropogener Landschaftsgestaltung.
Untersuchung in Zusammenarbeit mit der Universität Bamberg
Gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung

gefördert durch die Fritz Thyssen Stiftung

Seit Januar 2001 führt das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum gemeinsam mit der Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Professur für Vor- und Frühgeschichte, das Forschungsprojekt „Archäoprognose Brandenburg“ durch. Dieses Unternehmen wird durch einen großzügigen Betrag von der Fritz Thyssen Stiftung Köln gefördert.

Ausgangslage

Trotz 25.000 im Ortsarchiv erfasster ortsfester Bodendenkmäler ist vor allem im letzten Jahrzehnt die Einsicht entstanden, dass wir erst deutlich weniger als ein Drittel aller archäologischen Fundplätze im Land Brandenburg registriert haben. Die Masse ruht noch unerkannt im Boden. Aus dieser Situation heraus kann die Landesarchäologie schnell in ein Dilemma geraten, wenn man sie etwa bei alternativen Trassenvorschlägen für eine neue Autobahn nach der archäologieverträglicheren Variante oder bei der Ausweisung von Auskiesungs gebieten nach Anzahl und Lage der bedrohten Fundplätze befragt. Nicht besser geht es der Forschung, die versucht, in einer Region prähistorische Siedlungsprozesse zu analysieren und differenziert darzustellen. Auch sie stößt recht bald an die Erkenntnisgrenzen, die die Auswahl der erst bekannt gewordenen archäologischen Fundplätze setzt.

Hier greift nun die Archäoprognose ein. Sie will auf Grund vorliegender Informationen zu bereits bekannten Fundstellen nachvollziehbare Erwartungen für noch unentdeckte formulieren. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass die Archäoprognose in ihrer Entwicklung noch am Anfang steht und nicht mit Wahl- oder Wetterprognosen konkurrieren kann – sie wird erst seit rund zehn Jahren in verschiedenen Staaten als Instrument entwickelt.

Ein einfaches Verfahren

Die Archäoprognose geht zunächst von der Grundhypothese aus, dass sich der prähistorische Mensch bei der Wahl eines Siedlungsplatzes von rationalen Überlegungen leiten ließ und mithin auch die Möglichkeit entsteht, die entscheidenden Standortfaktoren zu rekonstruieren. Es werden, da es um die Verteilung archäologischer Fundplätze in einem bestimmten geographischen Gebiet geht, auch zweierlei Arten von Informationen benötigt, nämlich archäologische und geographische. Diese Verbindung beinhaltet ein mächtiges Erkenntnispotential sowohl für die Arbeit der Bodendenkmalpflege als auch für die Forschung. Eine gut dokumentierte archäologische Quellenlage und eine Nutzung von Umweltdaten sind dabei unabdingbar. Als Ergebnis erhält man dann Voraussage- oder Prognosekarten, die unter dem Begriff „predictive maps“ in die internationale Forschung Eingang gefunden haben. Im Rahmen des Projektes wurden im Land Brandenburg sieben Testgebiete ausgewählt, die die naturräumliche Vielfalt, aber auch den unterschiedlichen archäologischen Kenntnisstand widerspiegeln. Sie stehen beispielhaft für so genannte Archäoregionen, also für größere Raumeinheiten. Diese Testgebiete weisen durchschnittliche Flächengrößen von 30 – 50 qkm auf.

Fundplatzlage und Ökologie

Jeder Fundplatz besitzt seinen individuellen „Umweltsteckbrief“. Als seine wichtigsten geographischen Bestandteile haben sich dabei die Entfernung zu Wasserläufen, die Hangneigung in der näheren Umgebung, die Exposition („Himmelsrichtung“ eines Fundplatzes), die absolute Höhe und die Bodengüte bzw. Geomorphologie erwiesen. Diese Lageparameter kommen in ihrer spezifischen Relation zueinander nur in einem beschränkten Maße in der Landschaft eines zu betrachtenden Testgebietes vor. Über den einzelnen Fundplatz hinaus können wir jedoch auch die Fundplätze etwa einer bestimmten Zeitperiode als Grundmenge für den „Umweltsteckbrief“ zusammenfassen und untersuchen, wo noch innerhalb eines Testgebietes diese Bedingungen vorliegen. Der prähistorische Mensch hätte dort die gleichen, ihm offensichtlich wichtigen Standortfaktoren vorgefunden, also auch dort seine Siedlung errichten können. Dieses Prognoseergebnis gilt es dann zu überprüfen. So einfach dieses Verfahren klingt, so komplex ist die Art der Berechnung im Rahmen Geographischer Informationssysteme.

Perspektiven

Die Archäoprognose ist für die Landesarchäologie von grundlegendem Interesse und hat bei der Überprüfung mit statistischen Verfahren, aber auch im Gelände ihre Tauglichkeit erwiesen. So ermöglicht sie der Forschung, nach Zeiten und Fundarten differenziert sowohl Siedlungsabläufe in einer Region als auch Landschafts bedeutung für den prähistorischen Menschen zu „berechnen“. Ein sehr konkreter Einsatz zeichnet sich zudem in der Arbeit der Bodendenkmalpflege ab. So sehen es neue EU-Umweltbestimmungen vor, dass beabsichtigte Maßnahmen in „archäologisch bedeutenden Landschaften“ einer besonderen Prüfung und Güterabwägung unterliegen. Den Weg hin zur inhaltlichen und geographischen Festlegung solcher Landschaften kann die Archäoprognose entscheidend mitbegleiten.

Jürgen Kunow