Die Patentpapierfabrik in Hohenofen, Lkr. Ostprignitz-Ruppin

Seit September 2003 ist die Papierfabrik in Hohenofen als Einzeldenkmal in die Denkmalliste des Landkreises Ostprignitz-Ruppin eingetragen. Als signifikantes Beispiel für eine dezentrale industrielle Entwicklung im ländlichen Raum des Landes Brandenburg ist das technische Denkmal einerseits ein wichtiger Informationsträger technischer Verhältnisse und Entwicklungen auf dem Gebiet der Papierherstellung, andererseits zeugt es von den sozioökonomischen Bedingungen sowie von der industriellen Arbeitswelt in dem ansonsten landwirtschaftlich geprägten Ruppiner Land des 19. und 20. Jahrhunderts. Das Denkmal umfasst ein Gebäudeensemble aus dem funktional gegliederten Hauptfabrikgebäude, einem so genannten Lumpenhaus mit Lorenbühne, dem Kontorhaus und einem hölzernen Klärturm sowie den sich in den Gebäuden befindlichen Maschinen und technischen Anlagen.

Das Dorf Hohenofen ist von Anfang an als frühindustrielle bzw. industrielle Siedlung entstanden. Es liegt im historischen Ruppiner Land, ungefähr acht Kilometer südwestlich von Neustadt a.d. Dosse. Entstehung und Name des Ortes gehen auf das von Landgraf Friedrich von Hessen-Homburg gegründete „Seigerhüttenwerk Hohenofen“ zurück. Hier wurde das in der Gegend reichlich vorhandene Raseneisenerz verhüttet. 1712 entstand mit der Poliermühle – sie wurde von der Spiegelmanufaktur Neustadt errichtet – eine weitere frühindustrielle Produktionsstätte. Beide Fabrikationen bildeten gleichsam den Nukleus des späteren Industriestandortes Hohenofen in einer ansonsten schwach besiedelten, ausschließlich landwirtschaftlich geprägten Gegend. Nach der Erschöpfung der Raseneisenerzvorkommen wurde am Standort noch bis 1833 Silberherz verhüttet, bis schließlich der Betrieb ganz eingestellt wurde und die 500 Einwohner Hohenofens in eine existenzielle Notlage brachte. Ein erneuter wirtschaftlicher Aufschwung eröffnete sich mit dem Verkauf der Hütte an die Berliner Seehandlung im Jahr 1834.

Die heutige Papierfabrik steht ortsbildprägend am südöstlichen Ortseingang, ihr Hauptgebäude erstreckt sich entlang der B 102 von Neustadt/Dosse nach Brandenburg/Havel. Der Bau der Fabrik begann im Auftrag der Königlichen Seehandlung Berlin im Jahr 1886 unter der Leitung des Königlichen Bauleiters Knoth. Wie damals üblich wurden zum Aufbau der Maschinen und der wasserbaulichen Anlagen Mechaniker aus dem Mutterland der Industrialisierung, England, hinzugezogen. Sie montierten dann auch die Papiermaschine von Bryan Donkin & Co. Nach zweijähriger Bauzeit war die Fabrik produktionsbereit und wurde vom Bauherren an die Patentpaperfabrik Berlin verpachtet. Nach ersten Erweiterungen in den frühen 1850er Jahren erfolgte relativ spät, d.h. Anfang der 1880er Jahre, die Umstellung des Hauptantriebs von Wasser- auf Dampfkraft. Einen umfassenden Umbau erfuhr die Fabrik in den späten 1880er Jahren als der neue Besitzer, August Woge, das alte Fabrikgebäude in nordwestlicher Richtung durch ein Papiermaschinengebäude, Bleiche und Zellstofflager sowie zwei Magazingebäude erweitern und mit neuen Maschinen ausstatten ließ. Nach einem erneuten Besitzerwechsel im Jahr 1908 entstanden das so genannte Lumpenhaus mit Lorenbühne, die Leimküche, Werkstatt- und Kontorgebäude. Das so entstandene Gebäudeensemble ist weitgehend bauzeitlich überliefert und markiert den Kern des Denkmals. Zu seiner Einzigartigkeit trägt vor allem der eindrucksvolle überlieferte Maschinen- und Anlagenbestand aus dem späten 19. Jahrhundert bei, der im 20. Jahrhundert sukzessive ergänzt und erweitert wurde und bis zur Stillegung der Fabrik im Jahr 1993 produzierte. Dazu gehört u.a. die 44 m lange Langsieb – Papiermaschine aus den 1920er Jahren, die im Jahr 1967/68 im Bereich der Siebpartei, der Stoffbütten und des Antriebs erweitert und modernisiert wurde. Im Obergeschoss des Hauptgebäudes finden wir noch 16 Holländer, davon 12 paarweise angeordnet. Zwei von ihnen, 1888 gefertigt von der Firma Wagner & Comp. Coethen, sind aus der Bauzeit des Gebäudes erhalten, zwei weitere der selben Firma kamen Anfang des 20. Jahrhunderts zur Aufstellung und sind gleichfalls erhalten, genau so wie die beiden um 1888 gebauten Kollergänge. Drei Bleichholländer zur Chlorbleiche komplettieren das Ensemble genau so wie die Transmissionen, das Rohrleitungssystem, eiserne Transporthunte und Vorratsbütten mit Misch- und Rührwerk.

In ihrer Gesamtheit und Anordnung veranschaulichen die denkmalgeschützten Fabrikgebäude und der in einzigartiger Vollständigkeit erhaltene Maschinenbestand des 19. und 20. Jahrhunderts den Produktionsablauf der Papierherstellung zur Zeit der deutschen Hochindustrialisierung von der Lagerung und Aufbereitung der Werkstoffe über die eigentliche Papierherstellung bis hin zur Verpackung und dem Versand. Der einzige überlieferte Klärturm verdeutlicht die im späten 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert zunehmend öffentlich wahrgenommene Problematik der Wasserverunreinigung durch industrielle Tätigkeit und die daraus resultierende Wasseraufbereitung. Die genannten Gebäude und Maschinen zeigen, dass die Technologie der Papierherstellung sich bis ins späte 20. Jahrhundert nicht grundlegend änderte. Die Maschinen erwiesen sich bei nachfolgenden Modernisierungen als erstaunlich kompatibel. Damit ist die Papierfabrik als Zeugnis technischer Verhältnisse und Entwicklungen von signifikanter technikgeschichtlicher Bedeutung und einmalig im Land Brandenburg. Darüber hinaus hat die Fabrikanlage industrie- und wirtschaftsgeschichtliche sowie städtebauliche Bedeutung. Die Papierfabrik war seit ihrer Erbauung einer der wichtigsten Standortfaktoren der Subregion um Neustadt/Dosse. Sie fungierte als Hauptarbeitgeber der Region und prägte so maßgeblich die Entwicklung und das soziale Leben Hohenofens sowie der umliegenden Ortschaften. Im Gegensatz zu den sich im 19. Jahrhundert in der Mark Brandenburg entwickelnden industriellen Zentren in der Lausitz, dem Barnim und dem engeren Verflechtungsraum um Berlin handelt es sich bei Hohenofen um eine dezentrale Industriedörflichkeit in einer ansonsten landwirtschaftlich geprägten Gegend. Bei der Standortwahl für die Papierfabrik spielte die tradierte frühindustrielle Vorgeschichte und die günstige Lage an der Dosse als Prozessenergie- und Brauchwasserlieferant sowie als Transportweg eine entscheidende Rolle. Die Papierfabrik dokumentiert ferner die standortgebundene industrielle Transformation von der frühindustriellen Eisenverarbeitung zur Leichtindustrie und gleichzeitig den endgültigen Niedergang des Hüttenwesens in der Region. Letztlich gehört die Papierfabrik zu den markantesten Gebäuden Hohenofens. Sie prägen durch ihre exponierte Lage neben der Dosse mit dem hohen Giebel und dem langgestreckten Baukörper maßgeblich das Erscheinungsbild der Hauptstraße. Sie ist damit ein Blickfang am Orteingang und wirkt so im hohen Maße ortsbildprägend.

Gegenwärtig wird die Fabrikanlage baulich gesichert und der Maschinen- sowie Anlagenbestand inventarisiert, umfangreiche Sanierungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen an Dächern, Bauwerken sowie der maschinellen Ausstattung sollen folgen. Geplant ist, die Papierfabrik als ein bedeutsames technisches Denkmal der Papierherstellung denkmalgerecht zu entwickeln. Leitbild der denkmalpflegerischen Entwicklung ist die behutsame Sicherung und Instandsetzung der Baukörper unter Wahrung des Ensemblecharakters der gesamten Fabrikanlage und ihrer einzigartigen Authentizität, wobei die Sanierung und Instandsetzung sowie der Funktionserhalt der technischen Anlagen und Maschinen, einschließlich Gebrauchs- und Produktionsspuren eine besondere Herausforderung darstellen.

Dr. Matthias Baxmann

Referent für technische und Industriedenkmalpfleg