Die Villa Stern in Geltow - ein Werk Henry van de Veldes

Im Rahmen der Erfassung des Denkmalbestandes entdeckten Mitarbeiter der Abteilung Inventarisation des BLDAM und der unteren Denkmalschutzbehörde Potsdam-Mittelmark im September 2002 in einer heute als Kindergarten genutzten Villa in Geltow bei Potsdam – bekannt als „Bergschlösschen“ oder auch, nach dem Besitzer des Vorgängerbaus, „Villa Meusebach“ – eine ungewöhnlich qualitätvolle Innenraumgestaltung. Außer einer großzügigen Eingangshalle mit Travertin-Fußboden und Lichtkuppel fielen insbesondere der Salon mit ausgefallener Holzvertäfelung in strengen, geometrischen Formen, Wandnischen und eingebauten Eckschränken auf, der Wintergarten mit bemerkenswertem Fußboden-Mosaik, eine Tür mit Marmorgewände und der zwischen den rückwärtigen Flügeln gelegene Hof mit steinernen Sitzbänken und einem Brunnen.

Aus der heimatgeschichtlichen Literatur – Bauakten konnten bisher nicht ausfindig gemacht werden – geht hervor, dass die Villa 1910-12 für den Berliner Bankier Julius Stern errichtet wurde, der Name ihres Architekten konnte noch nicht ermittelt werden. Weitere Nachforschungen ergaben, dass Stern zum wohlhabenden großbürgerlichen Auftraggeberkreis Henry van de Veldes gehörte, von dem er sich bereits 1900 seine Berliner Wohnung in der Bellevuestraße in Tiergarten einrichten ließ. 1912/13 gewann er den Künstler auch zum Umbau und zur partiellen Ausstattung seiner erst kurz zuvor erbauten Villa in Geltow, wie Karl Ernst Osthaus in seiner 1920 erschienenen Publikation über van de Velde berichtet. Osthaus beschreibt zwei Wohnräume (einer davon mit nach Vorlagen von Ludwig von Hofmann angefertigten Gobelins), einen Wintergarten und den Innenhof. Nach dem tragischen Tod von Stern und seiner Frau – beide nahmen sich 1914 gemeinsam das Leben – wurde die Villa verkauft, die Ausstattung ging zum Teil verloren und die Van-de-Veldesche Gestaltung geriet im Lauf der Jahre – die Villa wurde nach 1945 als Schule und ab den 1980er Jahren als Kindergarten genutzt – in Vergessenheit. In der Van-de-Velde-Forschung war der genaue Standort der Sternschen Villa bisher nicht bekannt.

In welchem Umfang van de Veldes Umbau das heutige Gesicht der Villa prägt, bedarf noch der gründlichen Untersuchung. Auf jeden Fall ist sie ein anschauliches Zeugnis für van de Veldes Schaffen kurz vor dem Ersten Weltkrieg – eine Phase, die für den Künstler zwar durch diverse Misserfolge, wie das Scheitern des Projektes des Théatre des Champs Elysées in Paris und persönliche Schwierigkeiten in der Kunstgewerbeschule in Weimar, getrübt war, in der er jedoch keineswegs unter Auftragsmangel litt. Für eine wohlhabende bürgerliche Auftraggeberschicht, bei der er hohes Ansehen genoss, entstanden

1912/13 in rascher Folge die bekannten Villen in Weimar, Chemnitz, Hagen und Gera. In diesen Werkzusammenhang gehört auch die im Zuge der Denkmalerfassung wieder entdeckte Innenraumgestaltung der Geltower Villa Stern.

Marie-Luise Buchinger