Dieselkraftwerk in Niederfinow - Rettung in letzter Minute

Im Rahmen des Ausbaus der Oder – Havel – Wasser – Straße als europäischer Großschifffahrtsweg und dem damit notwendigen Neubau eines sehr viel größeren Schiffshebewerkes in Niederfinow im Landkreis Barnim drohte der Abriss des historisch einzigartigen und denkmalgeschützten Dieselkraftwerkes des vorhandenen Schiffshebewerkes – ein einmaliges Zeugnis einer nach wie vor funktionsfähigen dieselmotorengestützten Kraftwerkstechnik aus den 1920er Jahren. Erbaut 1926/27 als Baustromkraftwerk für den Schiffshebewerksbau war ursprünglich vorgesehen, nach Bauschluss das Kraftwerk wieder abzubauen. Nach der Inbetriebnahme des Hebewerkes entschloss man sich jedoch, das Dieselkraftwerk als Notstromkraftwerk am Standort zu belassen. Bis in die 1980er Jahre lieferte das Dieselkraftwerk zeitweise auch Strom in das örtliche Netz von Liepe. Nach der Stilllegung des Kraftwerkes hielten engagierte Mitarbeiter des Schiffshebewerkes die Anlage betriebsfähig und pflegten sie. Ihnen ist es vor allem zu verdanken, das sie heute als herausragendes technikgeschichtliches Zeugnis erhalten ist.

Die Anlage besteht im Kern aus drei Dieselmotoren der Motorenwerke Mannhein A.G. mit einem direkt gekuppelten, offenen Drehstromgenerator der Firma Siemens-Schuckert, Berlin sowie einer direkt gekuppelten, offenen Erregermaschine. Die Motoren sind Vierzylinder-Dieselmotoren mit Vorkammerbrennsystem, wassergekühlt, stehend in Reihe mit einer Leistung von 150 PS bei 300 U/min und wurden mit Druckluft angelassen. Die Erregermaschinen haben eine Leistung von 4,5 kW bei 110 V Erregerspannung. Eine Druckluftanlage zum Starten der Motoren, die aus drei Druckbehältern und einem kleinen Kompressor besteht, befindet sich ebenfalls in der Halle. Darüber hinaus wird die gesamte Maschinentechnik durch die Nebenanlagen in signifikanter Weise ergänzt: Schalttafel, Auspuffanlage, Tagesbefüllungsanlage, Laufkran etc.

Die Denkmalschutzbehörden forderten im Planfeststellungsverfahren den Erhalt des Denkmals am originalen Standort. Das war nach Abwägung durch den Vorhabensträger nicht möglich, das Schicksal des Denkmals schien damit besiegelt. Laut Planfeststellungsbeschluss wollte das Wasserstraßenneubauamt einen Maschinensatz bergen und in einer transparenten Hülle in der Nähe des alten Schiffshebewerkes wieder aufbauen, um so ein Zeugnis der beeindruckenden Dieselmotorentechnik zu erhalten und der Öffentlichkeit zu präsentieren – eine für die Denkmalfachbehörde nicht akzeptable Variante. Quasi in letzter Minute zeigte sich dann doch eine realistische Möglichkeit, an geeigneter Stelle einen Neubau unter Einbeziehung charakteristischer Bauteile des alten Baukörpers zu errichten und die bauzeitliche Maschinenanlage in der ursprünglichen technologischen Anordnung in den Neubau zu integrieren. Das Amt Britz – Chorin übernahm die Trägerschaft für das Projekt und akquirierte mit Hilfe des Landkreises Barnim entsprechende Fördermittel. Die vom Vorhabensträger in Aussicht gestellten finanziellen Mittel zur Aufstellung eines Maschinensatzes in einer transparenten Hülle konnten als Eigenmittel eingesetzt werden, wofür eigens der Planfeststellungsbeschluss geändert wurde. Sehr fand man unter Einbeziehung des Landesamtes für Denkmalpflege einen geeigneter Standort auf der anderen Seite des historischen Schiffshebewerkes. Die Wasserstraßenverwaltung stellte schließlich die Fläche für diesen Zweck kostenfrei zur Verfügung. Inzwischen ist der erste Spatenstich und die von Ministerin Johanna Wanka vorgenommene Grundsteinlegung längst wieder Geschichte. Der Bau des neuen Informationszentrums kommt gut voran, die Maschinen- und Anlagentechnik des Dieselkraftwerk wird sorgfältig demontiert und saniert sowie für den Einbau in das neue Objekt vorbereitet. Diese Konstellation war letztlich nur möglich, weil alle Beteiligten einschließlich des Vorhabensträgers zum Schiffshebwerkneubau nach einer konstruktiven und denkmalverträglichen Lösung gesucht haben. Dabei war allen Beteiligten klar, dass es sich bei dem Dieselkraftwerk um signifikantes technisches Kulturgut handelt, dessen Verlust nicht irreversibel gewesen wäre. Dies gab letztlich den Ausschlag. Darüber hinaus ist das Vorhaben unter dem Aspekt der weiteren Abrundung der touristischen Infrastruktur am Standort Schiffshebewerk Niederfinow zu sehen. Im Kontext altes / neues Schiffshebewerk sowie historischer Schleusentreppe und Dieselkraftwerk und Wasserverkehrsstraßentopografie Finow – Kanal / Oder – Havel –-Kanal entsteht am Standort Niederfinow ein industriekulturelles Ensemble mit herausragendem Alleinstellungsmerkmal in Europa, das über ein großes touristisches Potential verfügt und gegenüber dem bereits jetzt beachtlichen Status quo entsprechende Steigerungsraten mit wirtschaftlichen Synergien für die gesamte Region erwarten lässt.

Dr. Matthias Baxmann

Referent für technische Denkmale