Zwei Künstlerhäuser in Bad Saarow, Lkr. Oder-Spree

 

1905-06 erwarb die Landbank Berlin die Rittergüter Saarow und Pieskow mit dem Ziel, in der landschaftlich reizvollen Umgebung des Scharmützelsees eine elegante Landhaussiedlung zu schaffen, für deren grundlegende Planung der Gartenarchitekt Ludwig Lesser und die Architekten Emil und Ernst Kopp verpflichtet wurden. Wenige Jahre später ließen vermögende Berliner sowie Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Kultur hier ihre repräsentativen Sommerhäuser errichten. Dies wurde besonders attraktiv, seit der Ort 1908 mit einem Pferdeomnibus vom Bahnhof Fürstenwalde zu erreichen war und 1911 dann einen eigenen Bahnanschluss erhielt.

In Pieskow eröffnete 1908 ein Kur- und Logierhaus. Ein nicht minder elegantes Kurhaus entstand wenig später an der Uferstraße in Saarow. 1914 schließlich nahm ein Moorbad seinen Betrieb auf. Es war gleichermaßen die attraktive Lage am waldreichen, sanft hügeligen Ufer des Scharmützelsees wie auch das luxuriöse Freizeitangebot, das Bad Saarow rasch die führende Rolle unter den Sommerfrischeorten in der Umgebung Berlins einnehmen ließ.

Die vorgestellten Künstlerhäuser geben einen Eindruck von der reizvollen Vielfalt der historischen Bebauung Bad Saarows.

Moorstraße 3

1910 erwarb der Pianist, Komponist und Musikpädagoge Xaver Scharwenka (1850-1924) das große Grundstück Moorstraße 3 und beauftragte die Wolgaster Holzhäuser-Gesellschaft m.b.H. in Berlin, ein in Größe und Anspruch einer Villa gerecht werdendes Sommerhaus zu errichten, das 1912 bezogen werden konnte.

Scharwenka, von den Künstlerkollegen als Virtuose, engagierter Musikpädagoge und Komponist gleichermaßen hoch geschätzt, begann seine Laufbahn 1869. Durch Franz Liszt gefördert, mit Johannes Brahms befreundet, zudem ein geistreicher Gesellschafter, verkehrte er ebenso in Künstlerkreisen wie in der Wirtschaftswelt. 1881 hatte er in Berlin ein eigenes Konservatorium gegründet, an dem bis zu 62 Lehrer wirkten. Zehn Jahre später eröffnete er ein zweites, bis 1899 bestehendes Institut in New York, wo er Anfang der 1890er Jahre auch selbst zeitweilig lebte und häufig gastierte. Scharwenka, der auch leidenschaftlicher Jäger war, nutzte das Saarower Haus als geselligen Sommersitz.

Das geräumige, massiv unterkellerte Haus mit weit überstehendem Satteldach wurde als Holz-Rahmen-Leichtbau ausgeführt. Als Bauholz verwendete man die im Südosten der USA geschlagene pitchpine (Pinus elliottii), ein durch seine Härte damals hochgeschätzter Importartikel, der im Schiffs- wie im Hausbau, aber auch für Fußbodendielen im Berliner Mietwohnhausbau Verwendung fand.

Ein Architekt kann für das Sommerhaus nicht genannt werden aber es ist ein beredtes Zeugnis für die Weltoffenheit seines Bauherrn und die neuen baukonstruktiven Impulse seiner Zeit. Mit der Rahmenleichtbauweise und dem importiertem Pitchpineholz verweist es auf den beginnenden, Kontinente überschreitenden Wissens-, Technik- und Materialtransfer, der nicht zuletzt durch die Ende des 19. Jahrhunderts rasant fortschreitenden technischen Innovationen und fallenden Handelsschranken erleichtert und intensiviert wurde.

Moorstraße 1

Auf dem Grundstück Nr. 1, am anderen Ende der weitläufig eine Niederung umgreifenden Moorstraße, entstand auf dem bewaldeten Hügelrücken „Dudel“ 1925-26 nach Plänen Harry Rosenthals ein Atelier- und Sommerhaus für den Maler und Bildhauer Josef Thorak (1889 –1952). Rosenthal hatte bereits 1923 auf dem Nachbargrundstück ein Sommerhaus für den expressionistischen Maler Bruno Krauskopf (1892-1960) gebaut, das 1933, als Krauskopf emigrieren musste, von Max Schmeling erworben wurde. Thorak, der später zu einem der führenden Monumentalplastiker des Nationalsozialismus aufsteigen sollte, stand 1925 noch am Beginn seiner Karriere. Schon 1930 erfolgte der Umbau des Atelierhauses in Bad Saarow zu Wohnzwecken.

Harry Rosenthal (1892-1966) hatte sein Studium der Architektur in München bei Theodor Fischer aufgenommen und es 1917 an der TU Berlin-Charlottenburg fortgesetzt. Ab 1919 sammelte er praktische Erfahrungen in den Büros von Hans Poelzig und Bruno Taut. Ab 1922 entwarf er, nunmehr selbständig, Wohn-, Sommer-, Land- und Atelierhäuser in Berlin und der Umgebung. Seine frühen Bauten sind gleichermaßen von der Auseinandersetzung mit dem Expressionismus geprägt, deren herausragende Vertreter in Berlin seine Lehrer Taut und Poelzig waren, wie von der intensiven Beschäftigung mit den Prinzipien des Neuen Bauens. 1939 emigrierte Rosenthal nach London.

Das Wohn- und Atelierhaus zeichnet sich durch sein hohes, rohrgedecktes Tonnendach aus, das an den Giebelseiten über gerundeten Schopfwalmen am First aufschwingt. Nahezu doppelt so hoch wie die eigentlichen Seitenwände des Hauses, bestimmt das überstehende Dach den gedrungen wirkenden, eingeschossigen Baukörper. Ein halbrunder, nahezu geschlossener Anbau an der Hangseite öffnet sich mit einer feldsteingerahmten Tür zur Terrasse. Der tiefe horizontale Einschnitt zwischen Anbau und darüber vorkragendem Rohrdach verdeutlicht, dass sich hier eine geschützte Terrasse befindet. Das Haus, das sich mit seinen weichen bewegten Konturen und hohem Rohrdach eindrucksvoll in die Naturlandschaft einfügt, ist mit seinen organischen wie funktionalen Formen ganz der damaligen Debatte um eine neue Architektur verpflichtet, die eine ausdrucksstarke harmonische Einbindung in die Natur suchte. Zugleich zeigt es die große künstlerische Begabung des zu unrecht fast vergessenen Architekten Harry Rosenthal.

S. Gramlich (23.05.2006)