Grenzwachturm in Nieder Neuendorf bei Hennigsdorf, Lkr. Oberhavel

Nieder Neuendorf liegt südlich von Hennigsdorf. Östlich des Ortskerns liegen die Havel und der Nieder Neuendorfer See, in deren Mitte 1949-90 die Grenze zwischen der DDR und West-Berlin verlief. Ab dem 13. August 1961 ließ die DDR-Regierung diese Grenze militärisch abriegeln und am westlichen Havelufer Grenzsicherungsanlagen errichten. Hierzu gehörte auch der 1987 errichtete Grenzwachturm. Er diente zur Überwachung dieses Grenzabschnitts und war zugleich Führungsstelle für 18 weitere Grenzwachtürme.

Der Turm steht auf einer künstlich aufgeschütteten Anhöhe wenige Meter vom Havelufer entfernt. Er ist ein Typenbau aus Betonfertigteilen auf quadratischem Grundriss. Seine Außenseiten werden von kleinen Rechtecköffnungen und breiten Fensterbändern im oberen Bereich durchbrochen. Das überstehende Flachdach des Turms diente gleichzeitig als Plattform und besitzt daher ein umlaufendes Metallgeländer. Im Turminneren gibt es vier Geschosse, die durch Metalltreppen miteinander verbunden sind. In den Geschossen waren einige Wirtschaftsräume, eine Arrestzelle, der Aufenthaltsraum der Grenzsoldaten und die Führungsstelle des Grenzwachturms eingerichtet, in der stets mindestens zwei Grenzsoldaten Wachdienst versahen. Von der bauzeitlichen Ausstattung sind insbesondere die Metalltreppe, ein Kartenhalter, eine Klappleiter und der Suchscheinwerfer auf dem Dach zu nennen.

Der Nieder Neuendorfer Grenzwachturm wurde vor allem wegen seiner Bedeutung als Geschichtszeugnis im Jahre 1999 unter Denkmalschutz gestellt. Er gehörte zu den ab dem 13. August 1961 errichteten Grenzanlagen, die als „Berliner Mauer“ nicht nur Berlin geteilt, sondern ebenso den westlichen Teil der Stadt von seinem Brandenburger Umland abschnitten. Wie kein anderes Bauwerk hat die „Berliner Mauer“ fast drei Jahrzehnte lang die Teilung Deutschlands und Europas vor Augen geführt. Mit ihrer Öffnung am 9. November 1989 und der Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 verlor sie ihre Funktion. Die Grenzsicherungsanlagen, darunter mehrere hundert Wachtürme, wurden auf Anweisung des Innenministers der ersten demokratisch legitimierten DDR-Regierung seit dem 13. Juni 1990 von den Grenztruppen selbst und – nach der Vereinigung am 3. Oktober – schließlich bis zum 30. November 1990 mit Unterstützung durch Einheiten der Bundeswehr und britischer Pioniere bis auf wenige Reste beseitigt. Als einer der letzten Grenzwachtürme blieb der Nieder Neuendorfer Turm erhalten und dokumentiert die einst hier verlaufende „Berliner Mauer“. Seine bis heute sichtbare militärische Funktion erinnert auch an die Folgen der Grenzschließung, die nicht nur gewachsene Siedlungs- und Verkehrsverbindungen sowie Landschaftsbezüge unterbrochen hat, sondern auch Menschen voneinander getrennt und Menschenleben gefordert hat. Der Grenzwachturm ist damit ein bedrückendes Zeugnis deutscher Nachkriegsgeschichte, die von der Teilung Deutschlands in zwei Staaten mit gegensätzlichen Gesellschaftssystemen geprägt worden ist.

Seit dem Abschluss seiner Sanierung im Jahre 1999 befindet sich im Nieder Neuendorfer Grenzwachturm ein für die Öffentlichkeit zugängliches Dokumentationszentrum zur Teilung Deutschlands und zu den Grenzanlagen. Im Jahre 2001 wurden zwei weitere Grenzwachtürme in die Denkmalliste aufgenommen. Sie stehen am Elbufer bei Lenzen (Landkreis Prignitz) an der ehemaligen innerdeutschen Grenze.