Horno

Lkr. SPN

Brandenburg. Niederlausitz. Braunkohletagebau. Horno ist bis auf wenige Reste nahezu spurlos vom Erdboden verschwunden. Der Abbau der Braunkohle steht unmittelbar bevor.

Nachdem die ersten Hügelgräber in Horno bereits 1959 und die mittelalterliche Dorfkirche 1985 unter staatlichen Schutz gestellt wurden, rückte das Dorf zu Beginn der 1990er Jahren auch in das Blickfeld der Baudenkmalpflege. Schon 1991 hat das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege (bis 1999 BLAD, dann BLDAM) aus denkmalpflegerischer Sicht die Forderung nach Erhalt der Ortslage zum Ausdruck gebracht. Nachdem 1992 der Braunkohlenausschuss des Landes Brandenburg die „bergbauliche Inanspruchnahme des Ortes Horno“ als unausweichlich beschlossen hatte, wurde die wissenschaftliche Erforschung und Erfassung umso wichtiger.

Um diese Forderungen wissenschaftlich zu untermauern, wurde Horno Anfang 1993 zu einem Untersuchungsschwerpunkt der Abteilung Inventarisation des BLAD erklärt und auf seinen tatsächlichen Denkmalwert hin untersucht. Das Ergebnis dieser Untersuchung war eindeutig und mündete in der Unterschutzstellung der gesamten Dorfanlage als Denkmalbereich.

Aus der Begründung des Denkmalwerts, die die wesentlichen Aspekte der Bedeutung und des Denkmalwerts der Dorfanlage Horno herausstellt werden in den folgenden Jahren in einer Arbeitsgruppe des BLAD konkrete Dokumentationsanforderungen entwickelt.

Aufgrund der hohen politischen Brisanz der bevorstehenden Abbaggerung von Horno und der großen Anteilnahme der Öffentlichkeit wurde beschlossen, Qualitätsanspruch und Umfang der Bestandsdokumentation durch ein Kolloquium interdisziplinär vorzubereiten und abzusichern.

Unter der Schirmherrschaft des MWFK wurden am 18.03.1999 in Cottbus die Themenblöcke Archäologie, Naturwissenschaften (Geobotanik, Anthropologie), Baudenkmalpflege und Landesgeschichte/Ethnographie in jeweils mehreren Beiträgen vorgestellt und gemeinsam diskutiert. Beteiligt waren Fachleute aus dem BLAD, dem BLUF (Brandenburgisches Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte, seit 1999 Teil des BLDAM) und von mehreren Universitäten (Hannover, Göttingen, Dresden, Leipzig) und Forschungsinstituten.

Im Ergebnis wurden das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und das Archäologische Landesmuseum für Ur- und Frühgeschichte aufgefordert, innerhalb der nächsten Monate ein finanziell kalkulierbares Untersuchungs- und Dokumentationsprofil zu erarbeiten. Dieses wurde am 13.12.1999 vorgelegt und im Jahr 2000 in einen rechtskräftigen Vertrag überführt, der einen Untersuchungszeitrahmen vom Jahr 2000 bis 2004 vorsah. Die nachvollziehbaren Bemühungen der Einwohner von Horno um den Erhalt ihrer Gemeinde führten allerdings zu Verzögerungen. Der Start der bauhistorischen und anderer Untersuchungen vor Ort konnte erst Anfang 2002 erfolgen und zwar ohne dass das offizielle Vertragsende über 2004 hinaus verschoben wurde.

Jetzt, im Jahr 2005 sind die Dokumentationen und Forschungen vor Ort weitgehend abgeschlossen. Mit Ausnahme der zuletzt erfolgten archäologischen Untersuchungen liegen auch fast alle Auswertungen in ausführlichen Einzelberichten vor. Die Ergebnisse, die teilweise in sehr enger interdisziplinären Zusammenarbeit erarbeitet wurden, werden nun in einer mehrbändigen Publikation zusammengeführt.

Band I besteht aus zwei eigenständigen aber sich dennoch ergänzenden Teilen. Er beginnt mit der Sammlung und Auswertung sämtlicher schriftlicher Quellen zu Horno bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts (stellenweise darüber hinausgehend), die als Grundlage der meisten folgenden Untersuchungen gelten kann. Als zweiter Teil folgt die umfangreiche ethnologische Untersuchung der Identitäten der Bewohner.

Das Außergewöhnliche des bauhistorischer Untersuchungsprojektes (in Band II) ist, dass über die Baugeschichte der prominenten Bauten wie Kirche, Pfarrhaus und Schule hinaus den Wohnhäusern, Scheunen, Ställen und kleineren Nebengebäuden die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt werden konnte. Dadurch entsteht eine exemplarische Geschichte des ländlichen Bauens vom frühen 19. bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie es sie in dieser Form und dieser Vollständigkeit meines Wissens nach noch nicht gibt. Darüber hinaus wurden sprachwissenschaftliche, kulturgeographische und botanische Untersuchungen durchgeführt, die interessante Einblicke in sehr unterschiedliche Themen gewähren. Sowohl die Flurnamen und ihre Bedeutung, die Besonderheiten des sorbischen Dialekts, die historisch kulturlandschaftlichen Elemente, die Gestaltung des öffentlichen Raums als auch die Obstgehölze, die Gartentypen und Pflanzen, die Zaunanlagen und die jüngere Landwirtschaftsgeschichte in Form der LPG finden eingehende Beachtung.

Anhand des sehr umfangreichen Planmaterials und vieler Fotos werden alle Themen in Band II der Publikationsreihe auch für den Nichtfachleser lebendig.

Der geplante Erscheinungstermin für die Bände I und II ist Mitte2006.

W.G.