Über die Restaurierungsarbeiten an den Deckenmalereien in der Marienkirche in Herzberg, Lkr. Elbe-Elster

Mächtig überragt Sankt Marien die Stadt Herzberg an der Elster und ähnlich herausragend ist in kunst- und kulturhistorischer Hinsicht der Bestand an Gewölbemalerei im Inneren der gotischen Kirche. Die Ausmalungen der Gewölbe in den beiden Hauptbauteilen der Kirche entstanden in zwei Zeitabschnitten, im Chor nach 1400, im Langhaus um 1435. Die Mehrzahl der Fachleute nimmt an, dass bei der älteren Malerei, die Themen des Jüngsten Gerichts in Verbindung mit Propheten- und Aposteldarstellungen beinhaltet, zugewanderte böhmische Künstler die Ausführenden waren. Die jüngere Malerei im Langhaus stammt hingegen vermutlich von einer einheimischen, sächsisch-wittenbergischen Werkstatt. Sie zeigt Szenen aus dem Leben der Maria sowie eine Reihe von Heiligen in stilistischer Nachfolge des älteren Vorbilds im Chor. Der Wert der beiden Malereizyklen für das Land Brandenburg und weit darüber hinaus – man kann hier ohne weiteres von einem europäischen Rang sprechen – liegt zum einen in Größe und künstlerischer Qualität, vor allem aber in der Unberührtheit und Unverfälschtheit der Ausmalung. Der Umstand, dass über 550 Jahre keine Übertünchungen und Übermalungen, keine der sonst so häufigen und mit Verlusten an Originalsubstanz verbundenen Freilegungen erfolgten, macht diese Malereien zu einer einzigartigen Quelle zum Studium und zum Genuss mittelalterlicher sakraler Kunst.

Im Bewusstsein der Verantwortung für einen so kostbaren Schatz sind von der evangelischen Kirchengemeinde, vertreten durch Frau Pastorin Renate Timm, und das Architekturbüro Angelis und Partner, in Person des leitenden Architekten Herrn Onno Folkerts, seit Beginn der neunziger Jahre große Anstrengungen zur Erhaltung der Kirche und ihrer Ausmalung unternommen worden, großzügig gefördert durch Bund und Land sowie die Deutsche Stiftung Denkmalschutz. Die vor Ort Tätigen hatten stets die fachliche Unterstützung und Begleitung durch das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum. Dies äußerte sich u. a. in der von Mitarbeitern des Referats Restaurierung unternommenen Untersuchung der Malerei, die erst um 1993 zur Erkenntnis führte, dass ein nahezu unberührter mittelalterlicher Originalbestand vorliegt. Bis dahin hatte man noch angenommen, dass während einer durch Rechnungen im Pfarrarchiv belegten „Auffri-schung“ durch einen Malermeister Rothe im Jahre 1862 eine weitgehende Übermalung erfolgt wäre. Zu unser aller Glück hat der aus Herzberg stammende Handwerker weit weniger getan, als seine Rechnung eigentlich vermuten ließ – im Gegensatz zu üblichen Vertragsverhältnissen ist ihm in diesem Fall die nachträgliche Dankbarkeit der Kirchgemeinde und der Kunstbegeisterten im Land dafür sicher. Daraufhin entwickelte man im Landesamt eine Strategie, die jegliche gestalterische und ästhetische Hinzufügungen ausschloss und sich ganz auf die Erhaltung des Bestehenden, also in diesem Fall auf die Konservierung beschränkte.

Die weitgehende Unberührtheit der Malerei in der Kirche bedeutete nicht, dass keinerlei Anstrengungen zu ihrem Erhalt notwendig gewesen wären. Durch natürliche Alterung, aber auch ungünstige klimatische und umweltbedingte Einflüsse sowie Bewegungen des Mauerwerks war es zu stellenweisen Ablösungen des Putzes und einer fast durchgehenden Verminderung der Bindung der Malschicht gekommen. Ein Team von spezialisierten freiberuflichen Restauratoren führte in mehreren Etappen seit Mitte der neunziger Jahre bis 2006 die Konservierung, das heißt die Stabilisierung der Putz- und Malschicht am gesamten Gewölbe aus. Retuschen, das sind farbliche Ergänzungen der Originalmalerei, sind jedoch ganz bewusst nicht aufgetragen worden, da aus den oben genannten Gründen jegliche ästhetische Veränderungen unterbleiben sollten. Neben den beiden mittelalterlichen Malereizyklen ist im letzten Jahr auch der Gewölbeabschnitt ganz im Westen über der Orgel mit der barocken Malerei musizierender Engel bearbeitet worden. Bestandteil der Arbeiten waren die Untersuchung maltechnischer Besonderheiten und die Dokumentation des vorgefundenen Zustands sowie der ausgeführten Tätigkeiten in Text, zeichnerischer Kartierung und Fotografie.

Erst durch die systematische Dokumentation der Malerei waren Veränderungen an den Pigmenten, das sind die farbgebenden Bestandteile der Malschicht, in ihrem ganzen Ausmaß erkennbar geworden. Da die Kirche in Herzberg nicht der ein-zige Ort im Land Brandenburg ist, wo Farbveränderungen an Wandmalereien beo-bachtet werden, kam es zu einem ortsübergreifenden Antrag auf ein Forschungspro-jekt mit dem Ziel der Erkundung der Ursachen solcher Phänomene und der Entwicklung möglicher Gegenstrategien. Partner ist das beim Amt Ziesar angesiedelte Burgmuseum Ziesar, dessen umfangreicher Wandmalereibestand ebenfalls von Pigmentveränderungen betroffen ist. Es muss, so vermuten die Restauratoren, ein Zusammenhang mit umweltschädlichen Emissionen angenommen werden, daher ermöglichte die Deutsche Bundesstiftung Umwelt durch ihre Förderung das Projekt. Die restaurierungs- und naturwissenschaftliche Forschung zur Umwandlung von Malereipigmenten findet gegenwärtig in Zusammenarbeit der Beteiligten in Herzberg und Ziesar mit freiberuflichen Restauratoren, der Restauratorenausbildung an der Fachhochschule Potsdam und dem auf Mikroskopie spezialisierten Labor der Materialprüfanstalt Bremen sowie dem Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege statt. Im Ergebnis soll 2008 eine Tagung mit Publikation der Forschungsergebnisse stehen, die den Restauratoren – nicht nur in Herzberg und Ziesar – helfen sollen, künftig noch informierter und wirksamer für die Erhaltung mittelalterlicher Wandmalereien zu arbeiten.

Für die Marienkirche in Herzberg steht nun, nach vollständiger Sicherung der Bausubstanz und der Gewölbemalerei, die Ausmalung des Raumes nach historischem Vorbild an, um die Instandsetzung zu vollenden. Dabei wird die ästhetische Zusammenführung der mittelalterlichen Gewölbemalerei und der umfangreichen Ausstattung der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, wie Empore, Gestühl und Orgel, zu bewerkstelligen sein. Neben dem Hauptraum der Kirche sind in jüngster Vergangenheit auch kleinere Nebenräume durch denkmalgerechte Wiederherstellung erschlossen worden. Dazu zählen die beiden Seitenräume im Turm, von denen der südliche durch neueste restauratorische Untersuchungen als ehemals gewölbte, für Gottesdienste genutzte Kapelle des 16. Jahrhunderts erkannt worden ist. Eine noch recht gut erhaltene Wandmalerei mit einer Christusdarstellung als Teil des Jüngsten Ge-richts konnte zum Teil freigelegt werden. Bei dieser handelt es sich um eine ältere Außenwandmalerei aus der Zeit vor der Errichtung der Kapelle; schon wegen der großen Seltenheit solcher Außenmalereien ist die vollständige Freilegung und Restaurierung wünschenswert. Auch wenn der weitaus größte Teil der denkmalpflegerischen Aufgaben in der Herzberger Marienkirche schon bewältigt ist, bleiben also noch immer zahlreiche Pläne für die Zukunft bestehen. Ein hoffnungsvoll stimmendes Zeichen ist die Nutzung der beiden jüngst instandgesetzten Seitenräume im Turm durch die Kirchengemeinde für wechselnde Ausstellungen, beginnend mit der sehr erfolgreichen Schau zum Thema der Taufe im vergangenen Jahr.

Jan Raue