Perleberg, Lkr. Prignitz. Die Restaurierung der vier Portale der St. Jakobikirche

Bericht zum Abschluss des DBU–Modellprojektes „Entwicklung von modellhaften Restaurierungsmethoden für umweltgeschädigte glasierte Ziegel und Terrakotten an national bedeutenden Kulturdenkmälern Norddeutschlands“

Bericht zum Abschluss des DBU–Modellprojektes „Entwicklung von modellhaften Restaurierungsmethoden für umweltgeschädigte glasierte Ziegel und Terrakotten an national bedeutenden Kulturdenkmälern Norddeutschlands“

 Die Restaurierung der vier Portale der St. Jakobikirche Perleberg

– Abschluss des DBU–Modellprojektes „Entwicklung von modellhaften Restaurierungsmethoden für umweltgeschädigte glasierte Ziegel und Terrakotten an national bedeutenden Kulturdenkmälern Norddeutschlands“

Glasierte grobkeramische Erzeugnisse wie glasierte Ziegelsteine oder Terrakotten wurden im Norden Deutschlands zur Zeit der Hanse häufig verwendet. Meist wurden Bleiglasuren aufgetragen, die nicht nur durch ihren Glanz auffielen, sondern auch einen niedrigen Schmelzpunkt sowie gute Viskositäts- und Verarbeitungseigenschaften besaßen. Ein Grossteil dieser Glasuren ist von der atmosphärischen Verwitterung betroffen und zeigt heute gravierende Schäden.

Im Rahmen des von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Modellprojektes „Entwicklung von modellhaften Restaurierungsmethoden für umweltgeschädigte glasierte Ziegel und Terrakotten an national bedeutenden Kulturdenkmälern Norddeutschlands“ wurden an den Beispielen der vier Portale des Langhauses der St. Jakobikirche Perleberg und des Terrakottaschmuckes des Renaissance-Bürgerhauses Lünerstraße 3 in Lüneburg mit Hilfe umfangreicher Laboruntersuchungen die Schadensmechanismen, die zur Zerstörung der glasierten Backsteine und Terrakotten geführt haben, analysiert. Ziel des Projektes war, durch die Entwicklung und den Einsatz angepasster Konservierungsmaterialien die Schadensprozesse deutlich zu verlangsamen bzw. zu verhindern.

Die Projektleitung lag beim Norddeutschen Zentrum für Materialkunde von Kulturgut e.V. Hannover. Mitarbeiter des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums waren im Projektbeirat tätig. Die naturwissenschaftlichen Untersuchungen wurden im Friedrich-August-Finger-Institut der Bauhaus-Universität Weimar (FIB) und im Institut für Silikatforschung der Fraunhofer Gesellschaft (ISC) gemeinsam mit Studenten der Bauhaus-Universität Weimar und den FH Potsdam und Hildesheim vorgenommen. Die Restaurierung der Portale wurde von der Fa. Restaurierung am Oberbaum (RaO), Berlin durchgeführt. In der Keramikwerkstatt Czajka, Mühlenbeck wurden die neuen Formsteine hergestellt. Möglich wurden die Arbeiten neben der Förderung durch die Deutsche Stiftung Umwelt vor allem durch die großzügigen Unterstützungen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg und des Landkreises Prignitz.

Die St. Jakobikirche Perleberg ist ein kreuzgewölbter Backsteinbau aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, der sich durch seine vier spätgotischen Ziegelportale an der Süd- und Nordseite des Kirchenschiffes, die aus wechselnden Lagen glasierter und unglasierter Backsteine bestehen, auszeichnet. Sie weisen gestufte Gewände aus Formsteinen sowie Terrakottaschmuck in Form von Blattwerk und geometrischen Mustern auf. Trotz der stilistischen Übereinstimmung sind alle Portale im Detail unterschiedlich gestaltet. Die für die Portale verwendeten Ziegel wurden nach dem Auftrag der Glasuren nach dem Trocknen der Backsteinrohlinge im Einbrandverfahren bei niedrigen Temperaturen (um 890 bis 920 °C) gebrannt. Der Bleioxidgehalt der Glasuren liegt zwischen 30 und 50 % und die Farbigkeit variiert in Schwarz-, Braun- und Grüntönen.

Aufgrund unterschiedlicher Rohstoff- und Fertigungsbedingungen konnten an den vier Portalen erhebliche Unterschiede im jeweiligen Gefüge und im chemisch-mineralogischen Aufbau analysiert werden. Diese Tatsache widerspiegelte auch der unterschiedliche Schadensfortschritt an den Portalen. Die Glasurschäden reichten von der Riss- und Schollenbildung bis zum Totalverlust. Die Backsteine wiesen Schäden wie Absanden, Riss-, Schuppen- und Schalenbildung, kleinteiligen Bröckelzerfall und größere Ausbrüche auf. Zur Klärung der unterschiedlichen Schadensphänomene wurden an allen vier Portalen Feuchte- und Salzanalysen vorgenommen. Es wurde eine geringe Feuchtebelastung an allen vier Portalen festgestellt. Das am besten erhaltene Westportal der Südseite hat einen Durchfeuchtungsgrad von nur 1 bis 2 %. Die beiden Ostportale haben den höchsten Durchfeuchtungsgrad von ca. 33 % und demzufolge den höchsten Belastungsgrad mit löslichen bauschädlichen Salzen mit ca. 1 % Nitraten, vor allem aus Exkrementen, und ca. 0,5 % Chloriden, vor allem aus Tausalz. Die Oberflächen aller Backsteine sind vergipst.

Die Restaurierung der vier Portale sollte sich vor allem auf eine Konservierung des überkommenen Bestandes beschränken. Ziel war es, mit minimalen Eingriffen eine maximale Substanzerhaltung der glasierten und unglasierten Backsteine zu erreichen. Keinesfalls war eine Rekonstruktion der Portale auf einen vermeintlichen Ursprungszustand hin angestrebt. Die Alterungsspuren und die Geschichte der Portale sollten ablesbar bleiben. Ein Steinaustausch war bis auf Einzelfälle zu vermeiden.

Um Restaurierungsmaterialien auszuwählen und deren Wirkungsweise erfassen zu können, wurden umfangreiche Voruntersuchungen im Labor durchgeführt und Musterflächen zur Überprüfung der Verarbeitbarkeit und des optischen Erscheinungsbildes angelegt. Gesucht wurden Materialien für die Festigung der Ziegel, für den Auftrag einer Schlemme zur Oberflächenreduzierung, für die Ergänzung von Fehlstellen sowie für die Festigung und Ergänzung der Glasuren.

Zur Festigung der Ziegel, vor allem um tragfähige Oberflächen für Folgemaßnahmen zu schaffen, wurde der Kieselsäureester Funcosil 100 der Fa. Remmers ausgesucht. Dieser Steinfestiger veränderte kaum die physikalisch-mechanischen Eigenschaften wie Wasserdampfdurchlässigkeit, Wasseraufnahmefähigkeit, Elastizitätsmodul und Festigkeit der originalen Backsteine.

Mehrfach abschalende Ziegel konnten nicht gefestigt werden. Daher wurden diese zur Verkleinerung der verwitterten Oberfläche, zum Schließen von Rissen, Schalen und Schuppen, mit einer Schlemme überzogen. Die Schadensursachen wie z.B. Gips- und Rissbildung werden durch die Schlemme nicht beseitigt, sondern nur überdeckt. Daher ist die Schlemme als Opferschicht zu betrachten, die regelmäßig erneuert werden muss.

Als Steinergänzungsmasse wurde von der Fa. Rajasil das Produkt Rajasil-Klinker, ein Mörtel auf der Basis mineralischer Bindemittel, verwendet.

Für Glasurergänzungen und zur Glasurfestigung wurde das Ormocer G (siliziumorganische Verbindungen) angewandt. Diese Produktklasse ist eine Neuentwicklung des Institutes für Silikatforschung Bronnbach und wurde im Rahmen des Modellprojektes erstmalig für Restaurierungen von Glasuren eingesetzt.

Zum Abschluss der Forschungs- und Restaurierungsarbeiten fand am 14. Mai 2004 im Rathaus in Perleberg ein Kolloquium mit einer Posterausstellung über die Restaurierung der Portale statt.

Bärbel Arnold