Neuzelle, Lkr. Oder-Spree. Bericht zum Kolloquium des Projektes „Konservierung einer Szene der Passionsdarstellungen vom Heiligen Grab des Klosters Neuzelle"

Am 20. November 2003 fand im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum das vorläufige Abschlusskolloquium des Forschungs- und Konservierungsprojekt statt.

Einem interessierten Fachpublikum wurden die bisher erzielten Forschungsergebnisse vorgestellt.

Die um 1750 entstandene Darstellung des "Heiligen Grabes" des Klosters Neuzelle ermöglichte die Veranschaulichung der Passionsgeschichte als Figurentheater in Verbindung mit der Aussetzung der Monstranz. So konnte in der Passionszeit der Leidensweg Jesu bis zum Kreuzestod betrachtet und in Andacht und Gebet nachvollzogen werden. Begleitende Figurengruppen weisen auf entsprechende Begebenheiten aus dem Alten Testament hin.

Etwa 123 bemalte, bis zu sechs Meter hohe Holztafeln und mit Leinwand bespannten Bogenteile, die zusammengesetzt als Kulissen dienten, sowie 106 fast lebensgroße Figuren und Figurengruppen als hölzerne Silhouetten haben sich erhalten.

Das in großen Teilen erhaltene Papiermodell des Heiligen Grabes im Maßstab 1:10 trägt die Signatur des Künstlers Joseph Felix Seyfried. Es wurde als Entwurfsmodell angefertigt und später wohl auch als Hilfe beim aufwendigen Aufbau der fünf verschiedenen Bühnenbilder zu insgesamt 15 Passionsszenen verwendet.

Die Bühnenbilder sind aus jeweils sechs Kulissenebenen aufgebaut, zwischen denen die Figurengruppen stehen. Als vorderer Abschluss diente das Proszenium, welches durch profilierte Aussparungen an den Seitenteilen direkt an die stukkierten Pilasterbasen des Eingangsbereichs der Josephskapelle anschloss und somit die gesamte Kapelle an der Südseite der Neuzeller Klosterkirche in Form einer barocken „Guckkastenbühne“ füllte.

Der Bestand des Figurentheaters zeichnet sich durch hohe Qualität und die bis auf wenige Reparaturen unüberarbeitete Originalsubstanz des 18. Jh. aus. Die Kulissen- und Figurentafeln sowie die Rahmen der Leinwand sind aus Kiefernholz gefertigt. Für das Bühnenbild „Der Garten“ wurden offensichtlich ältere Tafeln wiederverwendet, die möglicherweise Bestandteile einer älteren Version eines Heiligen Grabes in Neuzelle sind.

Die der Bühnenmitte zugewandten Teile der Tafeln erhielten eine den Formen der Bemalung folgende Konturierung. Für den Aufbau der Bühnenbilder wurden die einzelnen Teile mit Keilschlössern verbunden, von denen ein großer Teil erhalten ist. Neben diesen wichtigen Zeugnissen der historischen Aufbautechnik sind auch Glaskugeln - ursprünglich mit gefärbtem Wasser gefüllt - und Glaslämpchen erhalten, die einen Eindruck von der ursprünglichen Beleuchtungstechnik vermitteln.

Für die Holzkulissen sowie Figurentafeln erfolgte die Bemalung direkt auf dem ungrundierten Träger bzw. die Fassung der älteren Tafeln. Es handelt sich um eine Leimfarbenmalerei mit einer typisch matt und stumpfen Oberfläche. Der Charakter dieser Dekorationsmalerei ist sehr lebendig und ganz auf Fernwirkung ausgelegt. An den Figurentafeln verstärkt die geriffelte Holzoberfläche diesen lebendigen Charakter.

1864 schrieb Pfarrer Florian Birnbaum über das Neuzeller „Heilige Grab“: „ Dieses ist seit unfürdenklichen Zeiten immer in der Josephs-Capelle an hiesiger Kirche aufgestellt worden, u. hat das ehemalige Closter zu diesem Zwecke einen massenhaften Apparat von Figuren und Gerüsten angeschafft, welche vom Zahn der Zeit zernagt sind, u. einer fortwährenden Erneuerung bedürfen...“

Die Probleme, die sich nach ca. 150 Jahren der Nutzung, d. h. des immer wiederkehrenden Auf- und Abbaus des umfangreichen Kulissen- und Figurenapparates, eingestellt hatten, führten zum Abbruch der Tradition mit der letztmaligen Aufstellung des „Heiligen Grabes“ in der Josephskapelle im Jahre 1863.

Seitdem hatte es immer wieder Versuche gegeben, sich dieses faszinierenden wie einzigartigen Ensembles anzunehmen, um das öffentliche Interesse wieder zu erwecken und den Bestand für die Nachwelt zu sichern.

Durch Wassereinbrüche und die Lagerung in feuchten Räumen sind zum Teil starke Schäden an Malerei und Träger entstanden. Besonders die Rahmenkonstruktion der Leinwandkulissen weist Brüche, Verluste und Verformungen auf. Die Leinwand ist durch Verluste an den Spannrändern, durchgerostete Nagelungslöcher und die Schäden der Spannrahmen stark deformiert. Die extrem empfindliche Leimfarbenmalerei ist durch die Vernachlässigung in den letzten beiden Jahrhunderten stark verschmutzt und nur noch lose mit dem Träger verbunden. Direkte Wassereinwirkung bewirkte in den betroffenen Bereichen ein Wegschwemmen von Bindemittel und auch Pigmenten mit Aufhellungen bis hin zur völligen Reduktion der Malschicht oder pudernder Bereiche.

Aufgrund der starken Gefährdung des Bestandes wurde als Modell für die Konservierung des Gesamtbestandes die Konservierung einer vollständigen Szene mit allen Kulissenteilen des zugehörigen Bühnenbildes beschlossen. Das Konservierungsprojekt wurde seit 2001 im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum in Wünsdorf in Kooperation mit der Stiftung Stift Neuzelle und mit finanzieller Unterstützung aus dem Aufbauprogramm des Bundesbeauftragten für Angelegenheiten der Kultur und der Medien „Kultur in den neuen Ländern“ durchgeführt.

Die Realisierung des Projektes wurde vom Referat Restaurierung des Landesamtes koordiniert und geleitet. Die Zusammenarbeit der Restauratoren des Amtes und freiberuflicher Diplom-Restauratoren der verschiedenen Spezialisierungsrichtungen erwies sich als fruchtbarer Ansatz zur Bewältigung eines solch komplexen Vorhabens.

Zur Konservierung gelockerter und aufstehender Malschichtschollen wurden Celluloseether in Wasser-Ethanol-Gemisch eingesetzt, um eine ausreichende Festigkeit ohne neue Fleckenbildungen oder andere optische Beeinträchtigungen zu erzielen. Die pulvrig aufliegende Malschicht wurde durch Aufsprühen von Festigungsmittel mit Airbrush- und Aerosol-Geräten auf die geschädigten Bereiche gefestigt. Starke Wasserränder in der Malschicht konnten nach dem Testen verschiedener Methoden durch mehrschichtige Kompressen reduziert werden.

Zur Randanstückung bzw. Randverstärkung der Leinwandspannränder wurde eine spezielle Verfahrenstechnik für die Verklebung angewandt.

Zur mechanischen Verstärkung von Schwachstellen im hölzernen Träger wurden verschiedene Stabilisierungsmethoden entwickelt. Durch Holzschädlinge geschwächte Bereiche wurden gefestigt und ergänzt. Außerdem wurden in einigen Bereichen verstärkende Holzkonstruktionen angefertigt, die stabilisierend zur Wiederherstellung der statischen Funktion der Kulissenteile wirken.

Die akute Schadstoffbelastung der Objekte durch Schimmelpilze und DDT aufgrund früherer Holzschutzbehandlungen macht besondere Sicherheitsmaßnahmen bei der Bearbeitung erforderlich. Im Rahmen eines DBU-Projektes zur „Dekontamination holzschutzmittel-belasteter Kulturobjekte“ (Hauptantragsteller: Dr. Unger, Rathgen-Forschungslabor der Staatlichen Museen Preussischer Kulturbesitz Berlin) wurde ein speziell entwickeltes Reinigungsverfahren zur Anwendung gebracht, welches bei den ungefassten Oberflächen eine weitgehende DDT-Reduzierung erbrachte.

 

Nach Abschluss des zweijährigen Konservierungsprojektes kann die vollständige Szene „Der Judaskuss“ einschließlich aller Kulissenebenen des Bühnenbildes „Im Garten“ präsentiert werden.

Das aufgebaute Bühnenbild wurde im Rahmen eines Kolloquiums gezeigt, in dem sowohl Forschungsergebnisse der letzten Jahre als auch die Umsetzung des Konservierungsprojektes vorgestellt wurden.

Nach Einführungsvorträgen von Herrn Dr. Ulf Küster und Herrn Dr. Winfried Töpler berichtete Herr Erik Venhorst von seinen im Rahmen eines Dissertationsprojektes angestellten Forschungen zu Stilistik und Umfeld des Passionstheaters.

Nach der Mittagspause sprach Frau Sonja Krug über die mit Hilfe des Rathgen-Forschungslabors durchgeführten Untersuchungen und Reinigungsverfahren zur Dekontamination der holzschutzmittelbelasteten Teile des Passionstheaters.

Frau Joana Philipps stellte mit einem eindrucksvollen virtuellen Modell des Bühnenbildes die bisherigen Ergebnisse der Forschung der am Projekt beteiligten Restauratoren (vor allem Frau Demuth) zu Konstruktion, Aufbau und Beleuchtung dar. Sehr konzentriert und trotzdem spannend wurden die Untersuchungen und praktischen Konservierungsarbeiten an Leinwand, Holz und Malschicht von Frau Petra Demuth, Frau Sabine Stachat, Frau Katja Müller und Frau Brigitte Bub erläutert. Herr Werner Ziems und Herr Andreas Menrad rahmten mit ihren Vorträgen zur Ausgangssituation, vergleichbaren Objekten und Projekten bzw. dem Ausblick in das sich noch weiter erstreckende Aufgabenfeld die Beiträge zur Konservierung und leiteten in eine kurze, aber lebhafte Abschlussdiskussion zum Kolloquium über.

Die gut besuchte Veranstaltung kann als gelungener Beitrag zum fachlichen Austausch, aber auch zur allgemeineren Vermittlung des Inhaltes restauratorischer Untersuchung und Forschung sowie konservatorischer Tätigkeit gesehen werden.

Mechthild Noll-Minor

Leiterin Referat Restaurierung