Dallgow-Döberitz

Lkr. Havelland
Germanische Siedlung mit zahlreichen Hausbefunden, römische Kaiserzeit und Völkerwanderungszeit

Peter Schöneburg

Der seit den 1970er Jahren bekannte Fundplatz 9 in der Bahnhofstraße von Dallgow-Döberitz wurde 1993/1994 im Vorfeld einer Wohnbebauung siedlungsarchäologisch untersucht. Die Ausgrabung auf einer Fläche von 15000 qm erbrachte Verfärbungen von 6490 Pfosten, 335 Gruben, über 40 Feuerstellen, 24 Brunnen, 16 Gruben von Grubenhäusern und einen Kalkbrennofen. Einige der Befunde datieren in die jüngere Bronzezeit und in die Eisenzeit. Der Großteil jedoch ist einer germanischen Siedlung aus der Zeit des 1. bis 5. Jahrhunderts zuzuweisen. Während der wissenschaftlichen Auswertung gelang es unter der Vielzahl von Pfostenlöchern und Gruben, 40 Langhäuser, 37 Speicher, 68 Grubenhäuser und 24 Brunnen herauszuarbeiten, die überwiegend der germanischen Siedlungsphase angehören und einen seltenen Einblick in die Gestalt eines solchen Dorfes geben.

Die Hauptgebäude: Wohn-Stall-Häuser

Die wichtigsten Gebäude des Dorfes waren die Langhäuser. Auf sie nahmen alle anderen, zu einem funktionierenden Hofverband gehörenden Objekte - Nebengebäude, Brunnen, Feuerstellen und technischen Anlagen - Bezug. Die 40 rekonstruierbaren Langhäuser hatten eine Länge von 10 m bis 46 m und waren 4,30 m bis 6,20 m breit. Sie waren Nordost-Südwest oder Nordwest-Südost orientiert. Die Grundfläche reichte von 50,70 qm bis 253 qm. Einige konstruktive Lösungen kamen bei den Dallgower Langhäusern regelmäßig zur Anwendung. So wurden die tragenden Innenpfosten in der Tendenz tiefer eingegraben und die Außenpfosten meist als Doppelpfosten gesetzt. Die Schmalseiten der Häuser konstruierte man häufig ebenfalls aus Doppelpfosten, wobei auch solche aus sehr eng gesetzten Pfosten vorkommen.

Die Nebengebäude: Grubenhäuser und Speicher

Kleine eingetiefte Häuser, sog. Grubenhäuser, kamen in Dallgow am häufigsten vor. Ihre Grundfläche betrug zwischen 6 qm und 32 qm. Von 16 hatten sich die Grubenreste erhalten, 52 konnten anhand der besonderen Stellung und Tiefe der Hauspfosten als Grubenhäuser erkannt werden. Die Hauslänge reichte von 2,80 m bis 6 m und die Breite von 1,30 m bis 4,60 m. Die Ausrichtung der Gebäude war ausschließlich Nordwest-Südost. Unter den unterschiedlichen Grubenhaustypen dominiert der Sechs- Pfosten-Typ, daneben sind Typen mit vier Pfosten und ein Grubenhaus ohne Pfosten belegt. Das Fundspektrum innerhalb vieler Grubenhäuser macht eine Nutzung für die Gewebe- und Tuchherstellung wahrscheinlich.

Die Speicherhäuser gehören ebenso zu den Nebengebäuden eines Hofkomplexes wie die Grubenhäuser. Die Speicherbauten, in denen u. a. das Getreide aufbewahrt wurde, zeichneten sich durch eine besonders enge und regelmäßige Pfostensetzung aus. In Dallgow-Döberitz konnten Speicher mit vier, sechs, neun und zwölf Pfosten nachgewiesen werden. Die Häuser nahmen eine Fläche von 2,30 qm bis 22,70 qm ein. Die Länge variierte zwischen 1,90 m und 5,10 m, die Breite zwischen 1 m und 4,50 m. Die Speicherhäuser wiesen zwei Grundrichtungen auf (Nordost-Südwest und Nordwest-Südost), wobei die Streuung sehr breit ist. Das auf anderen Siedlungen häufig beobachtete Tiefersetzen der Pfosten, was in Richtung einer gestelzten Bauausführung gedeutet wird, war in Dallgow nicht zu beobachten. Viele, aber nicht alle, Pfosten waren als Lehmpfosten konstruiert.

Die Wasserversorgung: Brunnen

Eine der wichtigsten Befundgruppen der Siedlung von Dallgow sind die Brunnen. Durch die dendrochronologische Analyse konnten für drei Brunnen der ungefähre Zeitpunkt ihres Baus (um das Jahr 360, 350 und 439) und bei einem Brunnen das Fälldatum, der für die Errichtung benötigten Bäume ermittelt werden (449/Waldkante). Die frühe Phase der Siedlung ist durch C-14 datierte Brunnen aus der Mitte des 1. Jahrhunderts abgesichert.

Die Brunnen traten in einer ungewöhnlich hohen Zahl von 24 und in sehr verschiedenen Konstruktionstypen auf. Am häufigsten waren Korbgeflechtbrunnen, von denen einige auch älteren Siedlungsperioden angehören. Zu unterscheiden waren weiterhin Kastenbrunnen (Spaltbohlen, Rundhölzer), Brunnen aus einem hohlen Baumstamm, aus senkrechten Brettern oder aus senkrechten Rundhölzern sowie Feldsteinbrunnen mit Korbgeflecht. Die herausragende Bedeutung der Brunnen für die Bewohner des Dorfes kommt in mehrfach an ihnen nachgewiesenen Kulthandlungen zum Ausdruck. In einigen Brunnen hat nach ihrem Versanden ein Feuer gebrannt. In der Ascheschicht wurde tierischer Leichenbrand und z. T. besondere Keramik nachgewiesen. In den Verfüllschichten anderer Brunnen fanden sich ganze Hundeskelette, besondere Schmuckgegenstände (Nadel, Fibel) und in einem Fall ein menschlicher Oberarm.

Literatur:

Peter Schöneburg, Die Fibel vom Typ Wiesbaden aus der Siedlungsgrabung von Dallgow-Döberitz, Kr. Havelland. In: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift 37, 1996, S. 167-175.

Peter Schöneburg, Neue Aspekte zum Brunnenbau im germanischen Dorf von Dallgow-Döberitz, Lkr. Havelland. In: Veröffentlichungen des Brandenburgischen Landesmuseums für Ur- und Frühgeschichte 30, 1996, S. 141-152.

Peter Schöneburg, Die germanische Siedlung von Dallgow-Döberitz, Kr. Havelland. Vorbericht und erste Auswertungsergebnisse. In: A. Leube (Hrsg.), Haus und Hof im östlichen Germanien, Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie 50, 1998, S. 127-131.