Die Furcht vor dem Weibe

Versteintes slawisches Körpergrab in der Uckermark

Neumeichow, Uckermark. Niemand wollte ihr je wieder begegnen: mit Felsbrocken im Grab fixierte, etwa 50-jährige spätslawische Frau Foto: Th. Stapelfeldt, BLDAM

Auf Nimmerwiedersehen

Eine Gruppe von sieben slawischen Körpergräbern der ersten Hälfte des 12. Jh. zeigte sich in der Uckermark auf einer der Grabungen zur OPAL-Erdgastrasse. Vier Erwachsene und drei Kinder ruhten Ost-West ausgerichtet in gestreckter Rückenlage, vier von ihnen hatten den Kopf im Osten, drei im Westen. Nur am Kopf einer etwa 50 Jahre alten Frau lagen Beigaben: zwei Schläfenringe als Bestandteile der spätslawischen Tracht. Kopf und Füße dieser Toten waren mit schweren Steinen beschwert. Solche „Versteinungen“ in spätslawischen Körpergräbern sind schon länger bekannt, aber selten. Ebenso wie Vernagelungen und Köpfungen zielten sie offenbar darauf ab, eine Wiederkehr des Verstorbenen zu verhindern. Warum sich die Hinterbliebenen davor fürchteten, bleibt im Allgemeinen unklar.

Bei der hier vorgestellten Toten liefert allerdings die anthropologische Untersuchung eine mögliche Erklärung. Der Schädel der Frau wies sechs unterschiedlich große Knochenwucherungen am Stirnbein auf; die größte maß im Durchmesser 13 mm und war 5 mm hoch. Solche so genannten Osteome, sind gutartige, langsam wachsende Tumore mit glatter Oberfläche, die meist keine Schmerzen verursachen. Doch können sie je nach Lage und Größe das Aussehen des Betroffenen verändern. Die im Grab fixierte Tote hatte ein großes Osteom direkt über dem linken Auge - sehr auffällig und markant. Es liegt nahe, dass die Frau ihren Verwandten unheimlich war – daher wohl die Versteinung.

Die Grabgruppe steht für eine Zwischenstufe auf dem Weg von der ursprünglich bei den Slawen praktizierten Brandbestattung hin zum christlichen Ritus, bei dem man die Verstorbenen orientiert auf dem Kirchfriedhof beisetzt. Die Furcht vor Wiedergängertum ist allerdings ein Element des Volksglaubens, das sowohl vor als auch nach der Christianisierung existierte.

Th. Stapelfeldt, B. Jungklaus