Frankfurt (Oder). Kolloquium zur Restaurierung der Fenster der St. Marienkirche

Kolloquium zur Restaurierung der Fenster der St. Marienkirche in Frankfurt (Oder)

(25. - 26. September 2003)

Die drei mittelalterlichen Glasfenster der Marienkirche Frankfurt (Oder) wurden 1941 kriegsbedingt ausgebaut, zunächst nach Potsdam ausgelagert und verblieben anschließend als „Beutekunst“ in den Depots der Eremitage in St. Petersburg. Im Juni 2002 kehrten die Fenster wieder nach Frankfurt (Oder) zurück.

Die 111 (ursprünglich 117) Felder bilden drei Fenster im Chorbereich: das Schöpfungs-Fenster, das Christus-Fenster und das Antichrist-Fenster. Die Datierung der Fenster bezieht sich auf die Weihe des Kreuzaltares 1367.

In der eigens für die Konservierung und Restaurierung der Glasmalereien eingerichteten Werkstatt im Martyrchor der Marienkirche sollen alle weiteren, seit der letzten großen Restaurierungsphase um 1830 nahezu unberührten Glasgemälde restauriert werden.

Eine Ausstellung von vier Glasmalereifeldern und die Einrichtung der Restaurierungswerkstatt wurde durch die großzügige Unterstützung der Ostdeutschen Sparkassenstiftung ermöglicht.

Durch die finanzielle Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt konnten die drei Diplom-Restauratorinnen Gerlinde Möhrle, Sandra Meinung und Nicole Sterzing im Januar 2003 in einer ersten Arbeitsphase mit den Voruntersuchungen und der Erarbeitung einer Konzeption zur Konservierung und Restaurierung beginnen.

In Zusammenarbeit mit Marina Flügge vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum wurde die künstlerische Gestaltung, Maltechnik und Restaurierungsgeschichte der Glasfenster untersucht. Der Fotograf des Landesdenkmalamtes Dieter Möller übernahm die fotografische Dokumentation der Felder im Vorzustand. Die Restauratorinnen entwickelten ein spezielles Dokumentationssystem und einen Schadensbildkatalog für eine computergestützte Kartierung der Felder. Zu den Vorarbeiten gehörten die Sichtung von historischem Bildmaterial, mikroskopische Untersuchungen der Oberflächen und die Durchführung von Reinigungsproben.

Die Erarbeitung des Konzeptes wurde begleitet und untersetzt durch naturwissenschaftliche Untersuchungen der Bundesanstalt für Materialforschung und Prüfung (BAM) in Berlin und des Mikroanalytischen Labors Jägers in Bornheim.

Der Erfahrungsaustausch mit internationalen Fachkollegen brachte Hinweise auf vergleichbare Schadensbilder und Problemstellungen an anderen Objekten. Hierzu fanden zwei Arbeitstreffen im April und Juli dieses Jahres statt, in denen die geplanten Restaurierungsmaßnahmen und die Varianten zur Ergänzung der fehlenden Gläser bzw. der sechs fehlenden Felder diskutiert wurden.

Das Konservierungskonzept legt unter anderem fest, dass die mittelalterlichen Glasoberflächen nur durch eine vorsichtige, rein mechanische Reinigung behandelt werden dürfen. Sowohl die Tatsache, dass rückseitige Bemalung großflächig vorhanden ist, als auch die Empfindlichkeit der Gläser verbieten gänzlich den Einsatz chemischer Reinigungsmaßnahmen. In Einzelfällen sollen die besonders dicken porösen Wettersteinkrusten der Rückseite mechanisch gedünnt werden, da durch diese Korrosionskrusten die Lesbarkeit der Darstellung erheblich beeinträchtigt wird. Überdies stellen diese Krusten als Feuchte- und Schadstoffspeicher ein Schadenspotential für die Gläser dar. Schmutzkrusten auf der Vorderseite der Gläser sollen mechanisch abgenommen bzw. reduziert werden. Die vorderseitige Bemalung ist gut erhalten und muss nicht gefestigt werden. Lose Partien der rückseitigen Bemalungsreste sollen dagegen mit einem Konservierungsmaterial gesichert werden.

Die Ergänzungsgläser der Restaurierungsphase unter Schinkel (ca.1830) sollen als technisches Zeugnis einer frühen Restaurierungsmaßnahme aus dem 19. Jahrhundert weitgehend erhalten bleiben. Mehrfach gesprungene Gläser mit Fehlstellen sollen aus technischen Gründen herausgenommen und durch neue Gläser ersetzt werden. Die farblich herausfallenden, intakten Ergänzungsgläser sollen mit rückseitigen Deckgläsern, die durch ein Siebdruckraster und eine Schattierung geschlossen werden, so weit abgedunkelt werden, dass die originale Farbigkeit und die ursprüngliche Wirkung der mittelalterlichen Originale wieder zur Geltung kommen.

Für die Ergänzung der sechs fehlenden Glasfelder können die Darstellung und ein großer Teil der Zeichnung anhand der schwarz-weißen Fotovorlagen von 1943 rekonstruiert werden. Hierfür wird eine Gestaltung erarbeitet, die die Lesbarkeit der verlorenen Glasbilder ermöglicht und sich zurückhaltend in die vorhandene Originalsubstanz einfügt.

Zum Schutz der wertvollen Glasmalereien werden die Originalfelder vor eine innenbelüftete Schutzverglasung gesetzt. Ab Herbst 2003 finden Messreihen über einen Zeitraum von einem Jahr an einer simulierten Außenschutzverglasung im Mittelfenster des Chores statt. Diese sollen die Funktionalität des Schutzverglasungssystems überprüfen.

Die Arbeitsphase zur Entwicklung des Konservierungs- und Restaurierungskonzeptes endete am 25. September 2003 mit einem wissenschaftlichen Kolloquium. In diesem wurde das Konzept vorgestellt und umfassend erörtert. Es konnte abschließend durch den Fachbeirat, dem namhafte Spezialisten (siehe Teilnehmerliste) angehören, bestätigt werden.

Nunmehr kann die intensive restauratorische Arbeit am ersten der drei Fenster, dem sogenannten „Christus-Fenster“ im Chorscheitel, beginnen - dank der großzügigen finanziellen Förderung von Bund und Land (MWFK) im Rahmen der Förderprogrammes für national bedeutende Kulturdenkmale.

Der Wiedereinbau der Fenster steht in einem engen Zusammenhang mit den begleitenden baulichen Maßnahmen im Chorraum der Marienkirche. Dies betrifft die umgebenden Fenster und die Einwölbung des Chores sowie die Ergänzung der nördlichen Arkade im Mittelschiff. Dafür sind finanzielle Mittel in Höhe von nahezu 1,3 Mio. Euro durch das Land (MSWV) avisiert.

Stadt Frankfurt (Oder)

Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum

Arbeitsgemeinschaft der Restauratorinnen an der Marienkirche Frankfurt (Oder)