"Schalltöpfe" in der Dominikanerkirche in Brandenburg an der Havel

 Zum ursprünglichen Baubestand gehörendes Blendfenster der Chorsüdwand mit Markierung der 9 Schalltöpfe in Schildwand und Stabwerkblende
Schliessen Mittelalterlicher Schalltopf mit schlank-konischem Hals in der Chorschildwand, 2004

Das ehemalige Dominikanerkloster St. Pauli der Brandenburger Neustadt stellt trotz Beschädigung im zweiten Weltkrieg neben dem Prenzlauer Kloster die am besten erhaltene Gesamtanlage eines Bettelordens im Land Brandenburg dar.

Nach der Entscheidung der Landesregierung, das Kloster für die Einrichtung des Archäologischen Landesmuseums zu sanieren, begann im Frühjahr 2003 ein umfangreiches Bauforschungsprogramm in Kirche und Klausur. Bei der Festlegung vom Umfang dieses Programms durch das Landesdenkmalamt wurden bereits 1991 und früher geleistete bauhistorische, archäologische und restauratorische Arbeiten berücksichtigt. Zu Beginn beschränkten sich die Untersuchungen noch auf die mit einfachen Hilfsmitteln zugänglichen Bereiche und erbrachten durchaus neue Erkenntnisse zur Baugeschichte, deren Veröffentlichung in einem größerem Umfang noch aussteht. Während der baubegleitenden Untersuchung, seit Mai 2004, beginnend mit der Einrüstung der Kirche konnten weitere wichtige Detailbefunde untersucht und dokumentiert werden (die bauhist. Untersuchung und Dokumentation erfolgt durch das "Büro für Denkmalpflege und Bauforschung" mit Büros in Halle und Weißensee, Leitung Maurizio Paul).

Von der hochgotischen Klosterkirche, einer dreischiffigen Halle mit dreijochigem Chorhals und polygonalem 5/8 Chorschluss stehen nur noch die Umfassungsmauern und die Arkade zum nördlichen Seitenschiff.

Der älteste, bis um 1300 datierte Bauabschnitt, umfasste ausschließlich den Chor, der damals vier Joche besaß.

Seit 1991 stellte sich die Frage nach der Funktion der zahlreichen, regelmäßig in den Chorwänden angeordneten, schräg nach unten weisenden und leicht vor der Innenwandflucht der Ziegelwände endenden „Rohre“. Mit der Einrüstung des Kirchenraumes konnten diese Öffnungen untersucht werden. Die Betrachtung aus der Nähe ergab, dass es sich um von Anfang an im gotischen Ziegelverband eingebaute Miniatur-Kugeltöpfe des hohen Mittelalters handelt.

Die mit ihrem kugelförmigen Boden schräg nach oben in den Kern des Mauerwerkes eingesetzten Töpfe gehören zur grauen, hart gebrannten Irdenware, einer seit dem 13. Jahrhundert in Mittel- und Norddeutschland üblichen Keramikart. Die Kugeltöpfe besitzen einen konisch abgesetzten, mit Drehriefen verzierten Hals und eine leicht ausschwingende Randlippe an der ca. 7,5 cm im Durchmesser großen Öffnung. Die Höhe der Töpfe beträgt 14 cm, der Durchmesser des kugelförmigen Korpus 10 cm.

Die Böden der Töpfe sind zumeist geschlossen, nur einzelne wurden vermutlich schon mit dem Auflegen der Ziegellagen zerbrochen. Die Anordnung zu je zwei Stück pro Schildwand des Chorhalses und des Polygons, seitlich der Rippenbündel und oberhalb der Gewölbekonsolen, stellt eine weitere Besonderheit dar. Das regelmäßige System des Einbaus in den Chorwänden wird von der Anordnung in den beiden Jochen mit Blendfenstern an der Chorsüdwand unterbrochen. Hier befinden sich je ein weiterer Topf im oberen Bogenfeld der Schildwand und je fünf symmetrisch gestapelte Töpfe im Blendfenster selbst, also insgesamt neun Stück.

Auch wenn einzelne Töpfe sekundär ausgebaut und die Stellen vermauert worden sind, lässt sich eine ursprüngliche Anzahl von 36 dieser Miniaturtöpfe rekonstruieren, wobei je 18 Stück auf die beiden Blendfenster und die neun Fensterschildwände verteilt sind. Möglicherweise hatten die Töpfe eine akustische Funktion. Es würde sich dann um sogenannte Schalltöpfe handeln, die in einem Zusammenhang mit liturgischen Gesängen im Chorraum standen.

Bei dem in Brandenburg aus der Größe der Gefäße resultierenden Resonanzvolumen lässt sich eine solche Wirkung kaum vorstellen. Es gibt unter Fachleuten durchaus Auffassungen, die auf bereits an anderen Orten durchgeführten akustischen Untersuchungen beruhen und einen Einfluss dieser Töpfe auf die Ausbreitung und Wahrnehmung des Schalls im Raum bezweifeln.

Bisher fehlen aber andere schlüssige Deutungen für die Funktion dieser „Schalltöpfe“.

Stefanie Wagner, Maurizio Paul