Das Königsgrab von Seddin

Lkr. Prignitz
Das “Königsgrab von Seddin”: archäologische und naturwissenschaftliche Untersuchungen am größten bronzezeitlichen Hügelgrab Brandenburgs

Das “Königsgrab von Seddin” befindet sich ca. 11 km nordöstlich von Perleberg, südwestlich des Dorfes Seddin, Landkreis Prignitz. Die Grabanlage stellt eines der bedeutendsten jungbronzezeitlichen Bodendenkmäler im Land Brandenburg dar. Sie besteht aus einer ebenerdig errichteten Grabkammer aus neun senkrechten Orthostaten, die das aus Steinen aufgeschichtete falsche Gewölbe tragen. Die Kammer war ursprünglich mit einem sorgsam geglätteten Wandverputz aus Lehm verkleidet, der eine rote mäanderartige Bemalung aufwies. Über der Kammer, die nicht ganz in der Mitte des Hügels liegt, wurde ein mächtiger Grabhügel, der sog. “Hinze Berg“ errichtet. Das Grabensemble lässt sich in die erste Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr. datieren.

Seit 1850 war der “Hinze Berg” - wie viele andere bronzezeitliche Grabhügel in der Umgebung von Seddin - Ziel von Steingewinnungsarbeiten. Am 15.09.1899 stießen Arbeiter auf die Grabkammer und öffneten sie unsachgemäß. Die ans Tageslicht geförderten Funde sind in ihrer Zusammenstellung und Reichhaltigkeit einmalig für die Region und den jungbronzezeitlichen Norden. Gemeinsam mit den geborgenen Leichenbränden bezeugen sie eine männliche Hauptbestattung und die Mitbestattungen zweier, wahrscheinlich junger Frauen. Der Leichenbrand des Mannes befand sich in einer Bronzeamphore, deren Buckeldekor als Kalendarium gedeutet wird.

Die Beigaben

Zur Ausstattung des Mannes zählen folgende Bronzen: ein Miniaturschwert, ein Tüllenmeißel, ein gehenkeltes Tüllenbeil, ein Ringgriffmesser, ein Rasiermesser, eine lanzettförmige Spitze, eine Pinzette, ein Stangenknopf und eine Tasse mit eingehängtem Ring. Allein diese Gegenstände deuten auf den außer ordentlich hohen sozialen Status des Mannes zu Lebzeiten hin, der offensichtlich über den Tod hinaus manifestiert werden sollte. Dies unterstreichen auch die Beisetzung in einer Bronzeamphore, die weiblichen Mitbestattungen, die übrigen Beigaben, der gewaltige Grabhügel und nicht zuletzt die einzigartige Grabkammer. Viele Merkmale, wie etwa die Beigabenzusammensetzung und die Art der Ausmalung der Grabkammer, weisen nach Süden in den Bereich der Urnenfelderkultur und der früheisenzeitlichen Kulturen Ober- und Mittelitaliens. Die meisten Bronzen selbst sind hingegen tief im nordischen Kulturkreis verwurzelt.

Grabsitte und Bedeutung des Grabes

Das “Königsgrab von Seddin“ gilt zu Recht als hervorragendes Zeugnis früher Herrschaftsbildung am Ende der Bronzezeit. Es liegt eingebettet in eine Region, deren jungbronzezeitliche Hinterlassenschaften durch die Forschung unter dem Begriff “Seddiner Gruppe“ zusammengefasst werden. Kennzeichnend im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. sind die Beibehaltung der Hügelgräbersitte, die Errichtung von steinernen Grabkammern und die Ausstattung mit wertvollen Metallsachgütern. Während gehobene Grabausstattungen fast aus schließlich auf Grabhügel beschränkt bleiben, weisen die zeitgleichen Urnenflachgräber nur durchschnittliche Beigaben auf. Über die Siedlungen ist hingegen nahezu nichts bekannt.

Die mit der Grabhügelsitte verknüpfte Ausstattung der Toten spiegelt eine auch im weiteren Umfeld der Seddiner Gruppe nicht zu belegende soziale Differenzierung der Bevölkerung und die Existenz einer machtvollen Führungsschicht für eine Zeitspanne von mehr als 200 Jahre wider. An deren Spitze stand eine Zeit lang jene Persönlichkeit, die im frühen 8. Jahrhundert v. Chr. im Königsgrab von Seddin bestattet wurde. Weitere dem Königsgrab von Seddin vergleichbare Grablegen der Prignitz fielen bereits im 19. Jahrhundert undokumentiert der Zerstörung anheim. Insofern stellt das “Königsgrab von Seddin“ heute einen einmaligen Forschungspfeiler dar.

Der Grabhügel von Seddin und sein Umfeld bieten eine große Chance für die erfolgreiche Verknüpfung von archäologischer Forschung und touristischer sowie musealer Erschließung einer Kulturlandschaft. Deshalb wurde bereits im Jahre 2000 ein gemeinsames Projekt des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseums und des Landkreises Prignitz aus der Taufe gehoben, über dessen weitere Ergebnisse hier in regelmäßigen Abständen berichtet werden soll.

Aktuell (Folge 1): Die Neuvermessung des Königsgrabes von Seddin im Jahre 2000

Jens May u. Thomas Hauptmann

Da bislang nur ein Vermessungsplan aus dem Jahre 1909 zur Verfügung stand, war als Grundlage für weitere Vorhaben am und im Umfeld des Grabhügels zunächst dessen Neuvermessung erforderlich, die im Herbst 2000 durch das Büro für archäologische Baugrunduntersuchung GbR vorgenommen wurde. Zum Einsatz kamen die GPS-Methode in Kombination mit der konventionellen Tachymetermethode auf einer Fläche von 700 x 700 m. Ein wesentliches Ergebniss der Neuvermessung ist die Ermittlung des tatsächlichen Durchmessers von 63,8 m am Hügelfuß. Dies widerspricht gravierend allen bisher veröffentlichten Daten, wonach von einem Durchmesser zwischen 90 und 125 m auszugehen war. Der Hügel nimmt innerhalb des Steinkranzes eine Fläche von etwa 3196 qm ein. Er besaß vor seiner Teilzerstörung eine Höhe von 9 m. Demnach lässt sich sein ursprüngliches Volumen mit etwa 16230 Kubikmeter angeben. Die Grabkammer liegt tatsächlich dezentral im Hügel und wurde zweifelsfrei zu ebener Erde errichtet. Die modernen Messergebnisse deuten darauf hin, dass der Hügel ursprünglich von einem Graben umgeben war. Die Neuvermessung belegt zudem, dass seit der Erstvermessung im Jahre 1909 keine nennenswerten Veränderungen mehr eingetreten sind. Demnach hat der rege Besucherstrom bislang nicht zu einer Beschädigung dieses bedeutenden Bodendenkmales geführt.

Literatur:

Torsten Foelsch, Das Königsgrab bei Seddin in der Westprignitz. Katalog zur Ausstellung in der Kirche zu Seddin anläßlich der 100. Wiederkehr der Entdeckung der Grabkammer des bronzezeitlichen Hügelgrabes im Jahre 1899, Hrsg. Landkreis Prignitz, Perleberg 2002.

Alfred Kiekebusch, Das Königsgrab von Seddin. Führer zur Urgeschichte Band 1, Augsburg 1928.

Carola Metzner- Nebelsick, Vom Hort zum Heros. Betrachtungen über das Nachlassen der Hortungstätigkeit am Beginn der Eisenzeit und die besondere Bedeutung des Königsgrabes von Seddin.Gaben an die Götter. Schätze der Bronzezeit Europas. (Ausstellungskataolg), Berlin 1997, S. 93-99, S. 193-197.