Insel im Nirgendwo

Ein Ort für Opferungen und die Sonderbehandlung von Verstorbenen

Der erste freigelegte Hortfund im Februar 2019. Neben einer Sichel, einem Pfriem und einem Fragment einer Lanzenspitze fanden sich zahlreiche weitere kleinere Objekte. Die Funktion des länglichen Bronzeobjektes mit doppelten Endscheiben und Durchlochungen ist immer noch rätselhaft. Foto: J. Stark, BLDAM

Im Winter des Jahres 2019 entdeckten ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger*innen in einem Niederungsgebiet im Westen Brandenburgs einen ganz besonderen Ort. Auf einer Sandinsel und deren Umfeld kamen ungewöhnlich viele Bronzefunde aus der jüngeren Bronzezeit zum Vorschein. Der Fund von mehreren Horten und zahlreichen Einzelfunden auf einer Fläche von ca. 24 ha ist einzigartig. Es wurden vor allem Bronzeobjekte gefunden, darunter Lanzenspitzen, Pfeilspitzen, Sicheln, Beile, Fibeln und Armreifen.

Rekonstruktion des Grabenverlaufes in Hertefeld aus Ergebnissen der Grabung, geophysikalischen Untersuchung und Luftbildprospektion. Foto: O. Reineke, BLDAM

Im Zuge von Grabungen 2019 und 2020 sowie intensiven mehrmaligen Begehungskampagnen mit ehrenamtlichen Bodendenkmalpfleger*innen konnten sämtliche Bronzeobjekte geborgen werden und stehen nun für die weitere Forschung zur Verfügung. Ziel der Grabungen war es, möglichst unterschiedliche Bereiche auf der markanten Sandinsel systematisch zu untersuchen, um mehr über diesen besonderen Ort zu erfahren und den Fundplatz zu charakterisieren.

Neben den Mehrstückhorten waren zahlreiche Horte mit nur einem Gegenstand zu finden, wie dieses fast vollständig erhaltene nordische Griffzungenschwert. Foto: J. Stark, BLDAM

Weite Teile des Areals scheinen kaum genutzt, doch in anderen Bereichen wurden menschliche und tierische Überreste miteinander vermischt, als ursprünglich an der Oberfläche niedergelegte Befunde, aufgefunden. Ein in Segmenten angelegter Doppelgraben, der auf der Innenseite von einer Reihe massiver Pfosten begleitet wurde und dessen innerer Graben zudem mit schräg nach außen gerichteten Pfosten versehen war, umschloss vermutlich die gesamte Sandinsel. In der Jungbronzezeit wurden in älteren Grabensegmenten erneut Eingrabungen vorgenommen, in denen ebenfalls menschliche und tierische Skelettreste niedergelegt wurden. Momentan ist noch nicht sicher, wann der Graben ursprünglich angelegt wurde. Zahlreiche Funde aus abgeschwemmten Randbereichen der Sandinsel und aus Teilen der Grabenanlage datieren ins Neolithikum.

Beinknochen eines eher männlichen Individuums in der bronzezeitlichen Füllung des inneren Grabens. Neben den Füßen lag eine Schädelkalotte. Foto: D. Schulz, BLDAM

In den bisher untersuchten Flächen konnten weder bronzezeitliche noch neolithische Siedlungspuren festgestellt werden. Durch interdisziplinäre Untersuchungen (Anthropologie, Archäozoologie, Pedologie, Palynologie, Archäobotanik, 14C-Analysen, Geophysik) sollen Umwelt und Landschaft zur Zeit der Niederlegung der bronzezeitlichen Objekte, aber auch die Landschaftsentwicklung vom Mesolithikum bis zur Bronzezeit rekonstruiert werden. In einer Dissertation werden die menschlichen Skelettreste des Fundplatzes und die ungewöhnliche Niederlegungsform als irreguläre Bestattungen näher untersucht.

Unweit vom ersten Hortfund lag Hort 2 mit einer großen Bernsteinperle und weiteren Trachtbestandteilen, wie eine große Plattenfibel, eine Scheibenkopfnadel, fünf Armringe und mehrere Spiralen und Spiralröllchen. Foto: J. Stark, BLDAM

Der abgelegene Ort mitten im Moor diente während der Jungbronzezeit als Ritualort – als Heiligtum, an dem menschliche und tierische Skelette sowie zahlreiche Bronzeobjekte und Horte in einem relativ begrenzten Zeitraum niedergelegt wurden. Bisher gibt es kaum vergleichbare Fundorte und es sind noch viele Fragen offen, die weiter untersucht werden.

Franz Schopper, Deborah Schulz

Eine von mehr als 140 Lanzenspitzen kurz nach der Freilegung. Foto: D. Schulz, BLDAM

Literatur:

F. Schopper u. D. Schulz, Horte, irreguläre Bestattungen und Grabenanlage bei Hertefeld. Ein ritueller Ort der Jungbronzezeit im Havelland. Arch. Berlin u. Brandenburg 2024 (2026) 76–82.

Überblick aller Vorträge

Wissenschaftliche Mitarbeiter und Projektpartner:

Entdeckerin: Merit Schambach, ehrenamtliche Mitarbeiterin des BLDAM

Bodendenkmalpflegerische Betreuung: Dipl. Prähist. Jens May, BLDAM

Projektleitung: Prof. Dr. Franz Schopper, BLDAM

Wissenschaftliche Grabungsleitung vor Ort (2019): Joachim Stark M.A., BLDAM

Wissenschaftliche Grabungsleitung vor Ort (2019–2020) und Auswertung der Befunde: Dr. Deborah Schulz, BLDAM

Bodenkundliche und Landschaftsgeschichtliche Untersuchungen: Dr. Thomas Schatz, Berlin

Palynologie: Dr. Susanne Jahns, BLDAM

Botanische Untersuchung der Moorsedimente: Dr. Dierk Michaelis, Greifswald

Dendrochronologie: Dr. Uwe Heußner und Dr. Ingo Heinrich, DAI

Archäozoologie: Dr. Susanne Hanik, BLDAM und Dr. Peggy Morgenstern, Berlin

Anthropologie: Dr. Bettina Jungklaus, Berlin

Radiocarbondatierungen: Dr. Ronny Friedrich, CEZA Mannheim

Isotopenanlysen: Dr. Corinna Knipper, CEZA Mannheim

Geophysik: Prof. Dr. Thomas Schenk, HTW Berlin

Geländemodelle: Michael Schlegel, BLDAM, Konstantin Scheele, DAI

GIS/Kartierungen: Olaf Reineke und Anja Sbrzesny, BLDAM

Restaurierung: Stephan Brather, BLDAM

Wissenschaftliche Auswertung der Pfeilspitzen: Leif Inselmann M.A., M.A., FU Berlin

Wissenschaftliche Auswertung der Schwertfragmente: Prof. Dr. Agné Čivilytė, Archaeology Klaipeda University + Lithuanian Institute of History, Vilius

Wissenschaftliche Auswertung der Lanzenspitzen: Prof. Dr. Franz Schopper, BLDAM

Wissenschaftliche Auswertung der Gussreste und Werkzeuge aus Bronze: Dr. Bianka Nessel, Universität Mainz

Wissenschaftliche Auswertung der Armringe: Anna Bahcivanoglu, Dissertationsprojekt FU Berlin

Wissenschaftliche Auswertung der Sonderbestattungen: Leif Inselmann M.A., M.A., Dissertationsprojekt FU Berlin

Wissenschaftliche Auswertung der mesolithischen und neolithischen Funde: Dr. Andreas Kotula und Dr. Ralf Lehmphul, BLDAM