Potsdamer Telegrafenberg - Großer Refraktor wieder feierlich in Betrieb genommen

Der 31. Mai 2006 wird in der Historie der Wissenschafts- und Technikgeschichte einen herausragenden Platz einnehmen. Im Beisein von viel Prominenz wurden auf dem Potsdamer Telegrafenberg nach vierjähriger, aufwändiger Sanierungsarbeit der Große Refraktor wieder in Betrieb genommen. 1899 ging der Refraktor im Beisein von Kaiser Wilhelm II. in Betrieb und stand damit u. a. Pate für einen signifikanten Aufschwung der Astrophysik in Deutschland. Das Gerät ist streng genommen ein Doppelrefraktor, der zwei fest und parallel miteinander verbundene Fernrohre von etwa 12 Metern Länge auf einer Montierung vereinigt. Das größere besitzt ein Objektiv von 80 cm Durchmesser und dient für fotografische Aufnahmen der Sterne und ihrer Spektren. Das kleinere Rohr mit einer Öffnung von 50 cm ist für die Beobachtung mit dem Auge bestimmt. Der auf einer gusseisernen Säule – sie ruht auf einem von übrigen Gebäude unabhängigen Ziegelpfeiler - montierte Refraktor ist damit das viertgrößte Linsenteleskop der Welt. Aufgestellt ist das Instrument unter einer drehbaren holzverschalten Kuppel aus Stahlblech mit einem lichten Durchmesser von 21 Metern und einem Gewicht von 200 Tonnen. Um den Blick zum Himmel freizugeben wird zum Beobachten ein Spalt geöffnet. Eine mit der Kuppel verbundene, fahrbare Bühne bringt den Betrachter stets in die erforderliche Position zum Fernrohr. Der Kuppelbau gehört zu den denkmalgeschützten Bauten des Astrophysikalischen Institut (AlP), die der Architekt Paul Emmanuel Spieker im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts auf dem Potsdamer Telegrafenberg errichtete. Eduard Saal hat den Spiekerschen Entwurf für das Refraktorgebäude nach dessen Tod ausgeführt. Den Bau übernahmen Firmen, die auf den Gebieten der Optik und Mechanik, des Metall- und Maschinenbaus und der Elektrotechnik hohes Ansehen genossen: Schott und Genossen in Jena, C. A. Steinheil und Söhne in München, A. Repsold und Söhne in Hamburg sowie in Berlin die Firmen Hoppe, Bretschneider & Krügner und Siemens & Halske. Innerhalb von fünf Jahren war das Teleskop vollendet. Anlässlich seiner Einweihung am 26. August 1899 rühmte der Direktor des AIP; Hermann Carl Vogel; den Großen Refraktor als „ein großartiges Werk der Mechanik und Optik“, und die Kuppel nannte er „nicht eine einfache Halle“, sondern ein „Kunstwerk, das wir mit Recht anstaunen können“. Im April 1945 wurden das Gebäude und der mechanische Teil des Großen Refraktors durch einen Luftangriff schwer beschädigt. Nach seiner Instandsetzung und Modernisierung nutzte man das Teleskop ab 1953 wieder für wissenschaftliche Zwecke. 1968 stillgelegt, war das Fernrohr ohne technische Wartung jahrelang dem Verfall preisgegeben, woran auch die 1983 erfolgte denkmalrechtliche Unterschutzstellung nichts Grundsätzliches zu ändern vermochte.

Seit Anfang der 1990er Jahre gab es vielfältige Initiativen zur Restaurierung und Wiederinbetriebnahme des Fernrohrs wie auch des gesamten Ensembles auf dem Telegrafenberg. Um Gebäude und Refraktor vor weiterem Verfall zu retten, konstituierte sich 1997 der Förderverein Großer Refraktor Potsdam e.V mit dem Ziel, gemeinsam mit dem AIP, dem Kultusministerium des Landes Brandenburg und den Behörden der Denkmalpflege das Fernrohr in seiner Funktionalität wiederherzustellen und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im August 1999 gelang es anlässlich seines 100-jährigen Jubiläums mit Mitteln des Brandenburgischen Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur und mit Spenden an den Förderverein das Fernrohr äußerlich zu entrosten und mit einem dem Originalfarbton angepassten Schutzanstrich zu versehen. Die entscheidende Phase begann 2001. In der Treuhandschaft der Deutschen Stiftung Denkmalschutz wurde die private Pietschker-Neese-Stiftung zur Erhaltung und Pflege der ehemaligen Königlichen Observatorien auf dem Potsdamer Telegrafenberg errichtet. Sie stellten seither in maßgeblichem Umfang die Mittel für die Restaurierung zur Verfügung, unterstützt vom Förderverein und vom AlP.

Die mit der Restaurierung betraute Firma 4H-Jena-Engineering überführte das Teleskop 2003 nach Jena, wo es in zweijähriger Arbeit unter Zerlegung in seine Einzelteile fachgerecht instand gesetzt wurde. Parallel erfolgten Maßnahmen in der Kuppel und er Beobachtungsbühne. Mit der Rückführung des Fernrohrs im Juni 2005 begannen der Wiedereinbau von Teleskop und Beobachtungsbühne sowie Arbeiten zur Justierung des Teleskops. Seit dem 31. Mai 2006 steht der Große Refraktor steht der Öffentlichkeit als erlebbares wissenschaftlich-technisches Denkmal wieder zur Verfügung.

Dr. Matthias Baxmann

Referent für technische Denkmale