Bahnbrechend ausgegraben: Neue archäologische Entdeckungen entlang der Bahnstrecke Angermünde–Stettin
29.05.2026

Der Ausbau der Bahnstrecke Angermünde–Stettin verbindet auf besondere Weise die Ziele der Verkehrswende mit dem Schutz und der Erforschung des archäologischen Erbes Brandenburgs. In enger und sehr guter Zusammenarbeit mit der Deutschen Bahn konnten entlang der Trasse außergewöhnliche Fundplätze untersucht werden. Zu den herausragenden Ergebnissen zählen das bislang größte bekannte Gräberfeld der frühen Bronzezeit in Brandenburg bei Casekow sowie ein seltenes Gräberfeld der Schnurkeramik bei Luckow – der erste Nachweis dieser Kulturform in der Region seit mehr als einem halben Jahrhundert. Die Ergebnisse der Untersuchungen wurden gestern im Rahmen einer Pressekonferenz im Berliner Hauptbahnhof in Räumen der Deutschen Bahn AG vorgestellt. Präsentiert wurden sowohl die wissenschaftlichen Erkenntnisse als auch zahlreiche originale Fundstücke aus den Ausgrabungen. Hierfür war das Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum (BLDAM) mit Archäologinnen und Archäologen, 3D-Spezialisten sowie Restauratorinnen vor Ort vertreten. Im Anschluss an die Pressekonferenz hatten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Deutschen Bahn Gelegenheit, die Funde aus nächster Nähe zu betrachten und mit den Fachleuten über die Untersuchungen und die Arbeit der Denkmalpflege ins Gespräch zu kommen.

Im Zuge des Ausbaus der Bahnstrecke Angermünde–Stettin führen das Referat Großvorhaben/Sonderprojekte des BLDAM seit dem Jahr 2020 umfangreiche archäologische Untersuchungen zwischen Passow und Tantow in der Uckermark durch. Insgesamt konnten 83 archäologische Maßnahmen realisiert werden. Die Arbeiten brachten zahlreiche neue Erkenntnisse zur Besiedlungs- und Bestattungsgeschichte der Region zutage. Besonders hervorzuheben sind die Fundplätze Casekow 14 und Luckow 21. Am Fundplatz Casekow 14 wurden auf einer Fläche von rund 2.800 Quadratmetern insgesamt 141 archäologische Befunde dokumentiert. Die Untersuchungen erbrachten dabei das bislang größte bekannte Gräberfeld der frühen Bronzezeit in Brandenburg. Die Anlage datiert in die Zeit zwischen 2200 und 2000 v.Chr. und gehört in den kulturellen Zusammenhang der sogenannten Aunjetitzer Kultur am Übergang von der Jungsteinzeit zur frühen Bronzezeit. Insgesamt konnten 31 Bestattungen freigelegt werden, darunter 30 Skelettgräber sowie eine Brandbestattung. Die Toten waren überwiegend in typischer Hockerlage auf der rechten Körperseite mit Süd-Nord-Ausrichtung und dem Kopf im Osten niedergelegt worden. Auch der Fundplatz Luckow 21 erwies sich als außergewöhnlich fundreich. Auf einer Fläche von rund sechs Hektar dokumentierten die Spezialist:innen des BLDAM insgesamt 2.460 Befunde. Die Ergebnisse umfassen mehrere Zeithorizonte und reichen von der späten Jungsteinzeit bis in die römische Kaiserzeit. Von besonderer Bedeutung ist ein Gräberfeld der sogenannten Oderschnurkeramik aus der Zeit zwischen 2450 und 2100 v. Chr.

Insgesamt konnten sieben Gräber dieser Kultur untersucht werden. Es handelt sich um das erste bekannte Gräberfeld dieser kulturellen Gruppe seit mehr als einem halben Jahrhundert. Die Funde belegen Kontakte sowohl nach Norden als auch nach Westen und liefern wichtige neue Hinweise auf Austauschbeziehungen und Mobilität in der späten Jungsteinzeit. Darüber hinaus wurden in Luckow zahlreiche Siedlungsbefunde entdeckt, darunter Vorrats- und Abfallgruben, Öfen, Herdstellen und Brunnen einer etwa 2.000 Jahre alten Siedlung. Einzelne Befunde deuten möglicherweise auf rituelle Handlungen hin. Hierzu zählen unter anderem Deponierungen von Hunden sowie niedergelegte Keramikgefäße, die als Opfer- oder Weihfunde interpretiert werden könnten. Ergänzt werden die Ergebnisse durch ein weiteres Gräberfeld aus dem 3. Jahrhundert n. Chr.

Die archäologischen Arbeiten werden mit modernen Dokumentations- und Untersuchungsmethoden durchgeführt. Zum Einsatz kommen unter anderem Structure-from-Motion-Verfahren, Laserscanning, tachymetrische Vermessung, Drohnenbefliegungen sowie geomagnetische Untersuchungen. Ergänzend werden weiterhin klassische archäologische Zeichnungen und Beschreibungen angefertigt. Besonders herausragende Befunde wurden mittels Blockbergung gesichert. Zudem erfolgten umfangreiche Bodenprobenentnahmen sowie anthropologische Erstbestimmungen teilweise bereits direkt im Feld. Die Untersuchungen entlang der Bahntrasse zeigen eindrucksvoll, welches wissenschaftliche Potenzial in den archäologischen Denkmalen der Uckermark verborgen liegt. Erste wissenschaftliche Veröffentlichungen zu den Ergebnissen sind bereits erschienen; weitere Auswertungen werden folgen.
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